Aufsatz 
Aufhaltsamer Aufstieg : die Anfänge der technischen Frauenbildung in Österreich / Juliane Mikoletzky
Entstehung
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Aufhaltsamer Aufstieg

für das Wintersemester 1908/09 erlaubt wurde. 30 In diesem Fall wurde also durchwegs formalistisch und ohne Eingehen auf inhaltliche Gesichtspunkte ar­gumentiert.

Etwa zur gleichen Zeit ergab sich auf gesetzlicher Ebene eine neue Situati­on: Ab 1907 schrieb eine Verordnung des Unterrichtsministeriums vor, dass Kandidaten und Kandidatinnen für das Lehramt an Höheren Handelsschulen den Nachweis von Fachstudien als ordentliche oder außerordentliche Hörer an einer Universität oder Hochschule zu erbringen hatten. Zu den darin genann­ten Fächern gehörte auch die Darstellende Geometrie, die in Österreich aus­schließlich an technischen Hochschulen angeboten wurde. 1911 bzw. 1912 wurden diese Anforderungen auf Lehramtskandidaten und -kandidatinnen an Mittelschulen und an Mädchenlyzeen ausgedehnt. 31 Bald gingen zahlreiche Zulassungsansuchen von Lehramtskandidatinnen bei allen technischen Hoch­schulen der Monarchie ein. Mit Ausnahme der Brünner Hochschulen, die wegen der besonderen Situation in Mähren großzügiger behandelt wurden, lehnte das Unterrichtsministerium als Letztinstanz diese Gesuche sämtlich ab. Erst eine Eingabe des damaligen Rektors der TH in Wien, Emil Müller, im Jahr 1912 an das Unterrichtsministerium unter Hinweis auf die anstehenden Probleme be­wirkte schließlich, dass mit Erlass vom 3. Februar 1914 Lehramtskandidatinnen für die Fächer Darstellende Geometrie und Freihandzeichnen die Inskription an den technischen Hochschulen als außerordentliche Hörerinnen gestattet wur­de. Damit konnten sie erstmals auch Zeugnisse als Qualifikationsnachweise erlangen. Ähnliche Entwicklungen gab es übrigens auch an deutschen techni­schen Hochschulen, etwa in Dresden, Berlin und München. An der TH in Wien inskribierten unter diesen Bedingungen zwischen 1913 und 1919 insgesamt 45 außerordentliche Hörerinnen.

Bald häuften sich an den technischen Hochschulen darüber hinaus Ansuchen von Frauen, die auch Vorlesungen aus ingenieurwissenschaftlichen Fächern oder Architektur zumindest als außerordentliche Hörerinnen inskribieren woll­ten. Diese Gesuche, die einzeln vom Unterrichtsministerium entschieden wer-

30 Hübner, ab 1910 verheiratet mit dem Mittelschullehrer Ottokar Hanzel (1976-1959), der eben­falls an der TH in Wien studierte und sie auf die externe Matura vorbereitet hatte, brachte es später bis zur Direktorin einer Bürgerschule und war in der bürgerlichen Frauenbewegung aktiv, 1910 1914 als Vizepräsidentin des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins, nach 1945 auch im Rahmen der UNO. Der Nachlass von Mathilde Hanzel-Hübner befindet sich in derSammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte der Universität Wien; siehe Monika Bernold, Johanna Gehmacher: Auto/Biographie und Frauenfrage. Tagebücher, Briefwechsel, politische Schriften von Mathilde Hanzel-Hübner (1884-1970). Wien, Köln, Weimar 2003.

31 RGBl. 35/1907, RGBl. 117/1911 und RGBl. 73/191 2.

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