Aufhaltsamer Aufstieg
Diese Petition führte im Studienjahr 1909/10 dazu, dass sich die Professorenkollegien der technischen Hochschulen erstmals auf einer gemeinsamen Basis mit dem Problem befassen mussten. Als Gesamtergebnis der jeweiligen Beratungen lässt sich festhalten, dass sich die technischen Hochschulen der Habsburgermonarchie fast alle (wenn auch oft mit sehr knappen Mehrheiten) für eine Unterstützung der Petition aussprachen; besonders eindeutig positiv äußerten sich die nicht-deutschsprachigen Hochschulen in Böhmen, Mähren und in Galizien, während bei den deutschen technischen Hochschulen die Zurückhaltung größer war. Das hier erkennbare Muster erwies sich als äußerst konstant, auch in den Diskussionen im Rahmen der Konferenz der Technikrektoren, die sich 1916, 1917 und nochmals am 14. Juni 1918, ausführlich mit der Frage des technischen Frauenstudiums befasste.
Die Argumentationslinien veränderten sich ebenfalls kaum: Wenn nicht überhaupt eine Zulassung von Frauen zum Technikstudium ohne Bedenken befürwortet wurde, hielt man fest, dass, selbst wenn man eher gegen eine Zulassung von Frauen votierte, diese doch unter rechtlichen Aspekten zwingend und daher mittelfristig unvermeidlich sei; außerdem sei, aufgrund von Erfahrungen ausländischer Hochschulen, insgesamt mit einer eher geringen Anzahl von Studien- werberinnen zu rechnen, eine berufliche Konkurrenz für männliche Ingenieure daher nicht zu befürchten. 33
Für die Meinungsbildung der Hochschulen kamen ab 1916 die Erfahrungen in der Kriegswirtschaft hinzu, die unter anderem gezeigt hätten, dass sich die an der Universität ausgebildeten Chemikerinnen als Laborantinnen offenbar bewährten. Außerdem rechnete man hier nun damit, dass aufgrund der hohen Verluste an Menschenleben nach Kriegsende für den Wiederaufbau viele Ingenieure fehlen würden, eine Übersetzung des Berufsstandes also nicht zu erwarten sei. Dazu kam die wachsende Anzahl von Zulassungsgesuchen weiblicher Hörer, die mit großem bürokratischem Aufwand jedes als Einzelfall bearbeitet werden mussten. Daher intervenierten im Studienjahr 1916/17 fast alle technischen Hochschulen von sich aus beim Unterrichtsministerium, um eine positive Lösung oder zumindest administrative Erleichterungen zu erreichen.
Eine Art Zusammenfassung des Diskussionsstandes bietet die ausführliche Stellungnahme des Rektorats der Technischen Hochschule Lemberg an das Unterrichtsministerium vom 20. Dezember 1916, die als Begleitbrief zu sieben
33 So argumentierte schon 1910 ein Minderheitsvotum von Prof. Dr. Johann Sahulka von der TH in Wien, siehe AT TUWA, Sitzungsprotokolle des Professorenkollegiums 1909/10, Nr. II vom 24. November 1909.
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