Aufsatz 
Aufhaltsamer Aufstieg : die Anfänge der technischen Frauenbildung in Österreich / Juliane Mikoletzky
Entstehung
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Aufhaltsamer Aufstieg

die Frau eine entsprechende Fachbildung sich aneignen dürfte, so könnte sie ganz gewiss auch einen vollwertigen Ingenieur in der Praxis abgeben. Auch mit einer zukünftigen Überfüllung der Hochschulen durch Studentinnen sei nicht zu rechnen, da der Zugang zum Studium kostspielig sei und derzeit keine Rede von einem Massenzustrom sein könne. Daher wird ihre Zulassung vom Rektorat befürwortet.

Interessant an dieser sehr umfassenden und präzisen Analyse der rechtlichen und sozialen Situation erscheint aus heutiger Perspektive vor allem die Über­zeugung, dass Frauen keineswegs ungeeignet für im weitesten Sinne tech­nische Berufe seien, und zwar sowohl aus Gründen der Tradition (sie haben immer schon mitgewirkt) als auch aufgrund aktueller Erfahrungen in der Kriegs­wirtschaft, sowie der Optimismus im Hinblick auf ihre Fähigkeiten als zukünfti­ge Ingenieurinnen. Eine Unvereinbarkeit vonFrauen undTechnik wird also geradeheraus verneint. Nur hinsichtlich der Fähigkeit als Führungskräfte und in staatlichen Leitungsfunktionen werden vorsichtige Abstriche gemacht, und hier deutet sich schon eine neue Trennlinie an.

Diese sehr eindeutige Position wurde allerdings von Vertretern der deutsch­sprachigen Hochschulen nicht zur Gänze geteilt, und schon gar nicht von den Referenten des Unterrichtsministeriums: Die Gesuche aus Lemberg wurden noch im März 1917, wie bisher stets üblich,aus prinzipiellen Gründen ab­gelehnt.

Aber die Vielzahl von individuellen und institutioneilen, zum Teil sehr gut argumen­tierten Anträgen erforderte doch eine entschiedenere Reaktion von Seiten der Unterrichtsverwaltung. So erklärte sich der damalige Unterrichtsminister Georg Ritter von Madeyski-Poray am 18. September 1918 bereit,der Frage einer all­fälligen Zulassung der Frauen zum ordentlichen Studium an technischen Hoch­schulen näherzutreten, wobei zunächst eine Öffnung nur der Hochbau und der Chemischen Fakultäten erwogen wurde. Damit bewegte sich das Ministerium noch ganz im traditionellen Modus einer graduellen, fakultäts- oder fachweisen Zulassung, den es auch bisher schon verfolgt hatte. Die Fakultäten, die es hierbei ins Auge fasste, waren jene, die in vielen der vorangehenden Meinungsäußerun­gen als jedenfalls für Frauengeeignet vorgeschlagen worden waren.

Nun wurden also alle Stakeholder - technische Hochschulen, Landesregierun­gen und Ingenieurkammern - neuerlich zu Stellungnahmen aufgefordert. So­weit diese vorliegen, zeigt sich darin insbesondere bei den Hochschulen die Erkenntnis, dass eine Zulassung rechtlich und faktisch nicht mehr zu umgehen sei; drastisch hatte dazu der Dekan der Maschinenbauschule der TH in Wien,

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