Aufsatz 
Aufhaltsamer Aufstieg : die Anfänge der technischen Frauenbildung in Österreich / Juliane Mikoletzky
Entstehung
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Juliane Mikoletzky

Überfüllung der Hochschulen durch die heimkehrenden Frontgenerationen. Eine Ermutigung von Frauen, ein Technikstudium zu wagen, ist darin jedenfalls nicht zu sehen.

Die Zulassung von Frauen zum Technikstudium an den (Deutsch-)Österreichi- schen Hochschulen ist also einerseits dem anhaltenden Engagement von ein­zelnen Frauen und gesellschaftlichen Gruppen zu verdanken, andererseits aber auch der inneren Dynamik einesmeritokratischen Systems, das die Erlangung bestimmter Rechte an das Vorliegen inhaltlicher und/oder formaler Bedingun­gen zwingend knüpft.

Die ersten Generationen von Technikstudentinnen

Die Befürchtungen einesMassenansturms an Studienwerberinnen bestätig­ten sich tatsächlich nicht: An der TH in Wien inskribierten 1919/20 insge­samt 65 Studentinnen (= 1,3 Prozent), davon ganze 20 ordentliche Hörerin­nen (bei einer Gesamtzahl von 5108 Studierenden), und es sollte bis in die 1940er-Jahre dauern, bis ihre Zahl auf dreistellige Werte anstieg. 41 An der we­sentlich kleineren TH Graz sowie an der Montanhochschule in Leoben waren die Zahlen deutlich niedriger: In Graz inskribierten im ersten Jahr der Zulassung nur zwei, in Leoben nur eine Hörerin. Auch in den folgenden Jahren blieben die Inskriptionszahlen der ordentlichen Hörerinnen hier meist einstellig. Dagegen war der Anteil der Hörerinnen an der Hochschule für Bodenkultur durchge­hend etwas höher: 1919/20 inskribierten dort bereits 41 Hörerinnen (= 2,5 Prozent), und dieses Niveau blieb auch in den folgenden Jahren erhalten. Ins­gesamt war jedoch die absolute Zahl der Studentinnen an der TH in Wien am größten. 42 Daher soll sich die folgende Darstellung schwerpunktmäßig auf diese Institution fokussieren.

Hinsichtlich der Fächerwahl hatte es schon in der Diskussion um eine Zulas­sung von Frauen immer wieder Vermutungen gegeben, dass Chemie und Archi­tektur für Frauen besonders geeignet sein könnten. Diese Annahmen haben sich insoweit bestätigt, als sich hier tatsächlich die deutlichsten Schwerpunkte bildeten. Das galt für Wien ebenso wie für Graz, an der Hochschule für Boden­kultur dominierte der Studienzweig Landwirtschaftslehre.

41 Vgl. dazu Mikoletzky, Georgeacopol-Winischhofer, Pohl, siehe Anmerkung 3, S. 178, Tabelle A4 I.

42 Vgl. dazu und zum Folgenden ebd., S. 109-184; zur Hochschule für Bodenkultur siehe auch Paulus Ebner: Politik und Hochschule. Die Hochschule für Bodenkultur 1914-1955, Wien 2002, S. 57-59.

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