Aufhaltsamer Aufstieg
Das erscheint zunächst erstaunlich, da sich unter den ersten Bewerberinnen für ein Studium vor 1919 etliche für ein Maschinenbaustudium interessiert hatten. Dazu gehörte etwa Leonie Pilewska, die 1916 erstmals an der TH Wien um eine Zulassung angesucht hatte; nach einem kurzen Intermezzo als Gasthörerin 1917, in dem sie mehrere Vorlesungen aus Maschinenbau besuchte, ging sie 1918 an die TH Darmstadt, wo Frauen bereits seit 1908 als ordentliche Hörerinnen zugelassen waren, wechselte dort aber bald vom Maschinenbau zur Architektur. In diesem Fach machte sie ihr Diplom und arbeitete als Architektin. Auch die allererste ordentlich inskribierte Hörerin der TH Wien, Hermine Wranitzky begann ab 1918 (zunächst noch als außerordentliche Hörerin) ein Maschinenbaustudium, wählte nach der I. Staatsprüfung 1924 aber den Studienzweig Elektrotechnik, schloss ihr Studium jedoch nicht ab. Das gilt auch für Elisabeth Köhler, die 1919 Maschinenbau inskribierte; sie war zuvor während des Krieges bereits bei den Ternitzer Stahlwerken tätig gewesen, schloss ihr Studium aber ebenfalls aus unbekannten Gründen nicht ab. Tatsächlich blieben die Maschinenbauerinnen eine winzige Minderheit: ihre Anzahl lag in den Jahren von 1919/20 bis 1944/45 zwischen null und fünf, wobei die höhere Zahl nur 1919/20 und 1943/44 erreicht wurde. Die ersten beiden Maschinenbauerinnen an der TH Wien schlossen ihr Studium erst 1956 ab.
Diejenigen der frühen Studentinnen, die zunächst Maschinenbau inskribierten und ihr Studium abschlossen, wählten in der Regel den Studienzweig Elektrotechnik. Dazu gehörte zum Beispiel Käthe Böhm, die sich im Beruf dann auf das damals neue Gebiet der Haushaltselektrifizierung spezialisierte. 43 Helene Jersche (verh. Schüssler) fand dagegen zunächst eine Stellung in der Industrie (AEG) und war später kurzzeitig Assistentin an der TH in Wien. 44 Dagegen waren die Chemikerinnen nach Anzahl und Anteil an den Studierenden ihrer Fakultät durchwegs stärker vertreten: Vor allem in den Jahren bis 1925 und ab 1938 waren sie in absoluten Zahlen am stärksten vertreten (jeweils über 20, mit einem Maximum von 97 im Jahr 1943/44), prozentuell war ihr Anteil kriegsbedingt in den Jahren ab 1940 bis 1944 am höchsten (24,6 bis 38,2 Prozent). Hier spielte es für die Studienwahl sicher eine Rolle, dass die Chemie
43 Zu Käthe Böhm vgl. zuletzt Susanne Breuss: „Das Fräulein Ingenieur“, in: Wiener Zeitung, 19.5.2019, unter: https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/reflexionen/geschichten/2009648-Kaethe- Boehm-das-Fraeulein-lngenieur.html (9.8.2019)
44 Zu Helene Jersche-Schüssler vgl. Paulus Ebner: Die Entnazifizierung an der Hochschule, in: Juliane Mikoletzky, Paulus Ebner: Die Technische Hochschule in Wien 1914-1955. Teil 2: Nationalsozialismus - Krieg - Rekonstruktion (1938-1955) (= Sabine Seidler (Hg.): Technik für Menschen. 200 Jahre Technische Universität Wien, Band 1/2) Wien, Köln, Weimar 2016, S. 172f.
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