Aufsatz 
Aufhaltsamer Aufstieg : die Anfänge der technischen Frauenbildung in Österreich / Juliane Mikoletzky
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Aufhaltsamer Aufstieg

Position als Wissenschaftlerin im Forschungslabor der Firma Osram in Ber­lin antrat.

Eine Fachrichtung, die vor allem zwischen 1931 und 1938 für Frauen attraktiv war, war das Kurzstudium Versicherungsmathematik (damalsVersicherungs­technik): Da es nur vier Semester dauerte, dürfte es für Frauen ohne große materielle Mittel günstig gewesen sein, vor allem in der wirtschaftlichen Krisen­zeit der 1930er-Jahre (1933 und 1934 jeweils 13 Hörerinnen bei insgesamt 40 bzw. 44 Studierenden). Es bot gute Berufsaussichten, besonders in der aufstrebenden Versicherungsbranche.

Insgesamt gilt jedoch für alle Studienrichtungen und an allen österreichischen technischen Hochschulen, dass die Quote der Studienabbrecherinnen (genau gesagt: derjenigen Studierenden, die ihr Studium nicht an der TH Wien bzw. ihrer Stammhochschule abschlossen) vor allem in den ersten Jahren nach 191 9 sehr hoch war: Für die TH Wien lag sie für die Jahre von 1919 bis 1944 im Durchschnitt bei 54,6 Prozent, allerdings mit deutlichen Schwankungen. Leider haben wir nur wenige Informationen über die Gründe, zumal es keine formelle Exmatrikel gab: So könnte in manchen Fällen der Wechsel an eine Universität, sei es in Wien, sei es anderswo, die Ursache gewesen sein, der natürlich später doch zu einem Studienabschluss geführt haben könnte. Das gilt insbesondere für die zahlreichen Studentinnen, die in den Jahren 1 941 bis 1944 vor allem aus den vom Deutschen Reich besetzten oder mit ihm assoziierten Staaten Osteu­ropas (z. B. Bulgarien, Rumänien, Ukraine, teils auch Griechenland, Jugoslawi­en) kamen, und die sich grundsätzlich nur befristet für maximal vier Semester an der Hochschule inskribieren durften. 47 Vor allem in den wirtschaftlichen Krisen­phasen der Republik in den frühen 1920er-Jahren und ab 1930 dürften oft auch finanzielle Gründe für einen Studienabbruch ausschlaggebend gewesen sein. Nicht zu vergessen sind jene Studentinnen, die nach demAnschluss Öster­reichs an NS-Deutschland aufgrund vonrassischer und/oder politischer Ver­folgung an einer Beendigung ihres Studiums gehindert wurden. Ein Beispiel dafür ist die Elektrotechnik-Studentin Ruth Zerner (verh. Fischer): Sie hatte zu­nächst ein Bauingenieurstudium begonnen, wurde 1935 jedoch unter der aus-

47 Vgl. zu den ausländischen Studierenden unter anderem Merjem Nur Bajramovic: Die Situation ausländischer Studierender an der Technischen Hochschule in Wien zur Zeit des Nationalsozia­lismus, in: Österreichische HochschülerInnenschaft (Hg.): Österreichische Hochschulen im 20. Jahrhundert. Austrofaschismus, Nationalsozialismus und die Folgen. Wien 2013, S. 132-144; Juliane Mikoletzky: Die historische Entwicklung der Stellung von Ausländerinnen und Frauen an österreichischen Hochschulen, in: Manfred Prisching (Hg.): Gleichbehandlung im Hochschulbe­reich. Wien 2008, S. 55-80.

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