Juliane Mikoletzky
trofaschistischen Regierung wegen kommunistischer Betätigung für ein Jahr relegiert und wechselte nach ihrer Rückkehr 1936 zur Elektrotechnik. 1938 wurde ihr Ansuchen um Weiterinskription nicht bewilligt. Sie konnte nach London emigrieren, wo sie sich dem „Free Austrian Movement“ anschloss. Nach ihrer Rückkehr nach Österreich 1946 arbeitete sie als Journalistin. 48 Übrigens blieben Frauen auch nach ihrer Zulassung Ziel bildungspolitischer Lenkungsversuche: Das begann bereits 1919, aufgrund der ja nur bedingten Zulassung, nämlich nach Maßgabe der verfügbaren Infrastruktur, mit einer Zurückstellung weiblicher Studienwerber bei der Inskription. Erkennbar wird das daran, dass neu inskribierten Hörerinnen etwa bis in die Mitte der 1920er-Jah- re eine sehr hohe Matrikelnummer zugeteilt wurde - offensichtlich mussten sie so lange warten, bis alle männlichen (inländischen) Studienwerber sich inskribiert hatten. Allerdings ist nur in einem Fall, nämlich jenem der Architekturstudentin Helene Roth, eine tatsächliche Zurückstellung dokumentiert: Sie durfte im Studienjahr 1921/22 „wegen Platzmangels“ zunächst nur als a. o. Hörerin inskribieren, konnte sich die entsprechenden Vorlesungen im folgenden Studienjahr jedoch anrechnen lassen. 49 Tatsächlich war das Jahr 1 921/22 an der TH in Wien jenes mit dem größten Studierendenandrang der Nachkriegszeit. Erneute rechtliche Einschränkungen drohten ab Beginn der 1930er-Jahre, als die Regierung sich aufgrund der Finanzkrise zunächst durch eine Beschränkung der Zahl der Mittelschülerinnen Einsparungen erhoffte; das austrofa- schistische Regime wollte dann, auch angesichts hoher Akademikerarbeitslosigkeit, überhaupt den Andrang zu den Mittelschulen einbremsen; als Mittel der Wahl erschien wiederum eine Beschränkung der höheren Mädchenbildung: Eine Verordnung vom 24. März 1934 sah vor, dass Mädchen - wie zu Kaisers Zeiten - wieder vorrangig in reinen Mädchenmittelschulen unterrichtet und nur noch ausnahmsweise zu einer der (wesentlich zahlreicheren) Knabenmittelschulen zugelassen werden sollten. Ab dem folgenden Schuljahr wurden in den Lehrplänen der Mädchenmittelschulen - gegen heftige Proteste der Eltern, aber auch der Hochschulen - die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer zugunsten des Unterrichts in Sprachen reduziert. Es scheint,
48 Zu Ruth Zerner und den übrigen von der TH Wien vertriebenen Angehörigen der Hochschule siehe Paulus Ebner, Juliane Mikoletzky, Alexandra Wieser: „Abgelehnt“... „Nicht tragbar“ Verfolgte Studierende und Angehörige der TH in Wien nach dem „Anschluß“ 1938 (= Veröffentlichungen des Archivs der Technischen Universität Wien, Heft 11) Wien 2016, S. 56; Linda Erker: Geschlechterverhältnisse im Austrofaschismus 1933-1938. Die Kommunistin und TH Wien-Studentin Ruth Zerner, in: Krammer, Szeless, siehe Anmerkung 1, S. 62-66.
49 Siehe AT TUWA, Rektoratsakten, RZI. 2244-1922/23.
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