Aufsatz 
Aufhaltsamer Aufstieg : die Anfänge der technischen Frauenbildung in Österreich / Juliane Mikoletzky
Entstehung
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Aufhaltsamer Aufstieg

dass hiermit eine ideologische Position verfestigt werden sollte, die in der Realität keine Basis hatte.

Tatsächlich sank bis 1937 der Anteil der Mädchen, die sich an einer Mittelschu­le einschrieben (und damit als zukünftige Studentinnen in Frage kamen), um 13,9 Prozent. 50 Auch die Hörer_innenzahlen an den Universitäten und Hoch­schulen gingen zurück. Ähnliche Maßnahmen hatte im Deutschen Reich auch das NS-Regime getroffen - für Österreich nach demAnschluss bedeuteten sie daher nichts wirklich Neues. Den anfänglich in NS-Deutschland verhängten Numerus Clausus für Studentinnen hatte man dort allerdings bereits ab 1936 wieder aufgehoben, er wurde also nicht mehr schlagend. Inzwischen lief die Kriegswirtschaft auf Hochtouren, und ab 1939/40 wurden Frauen im Gegenteil sogar ermutigt, technische Fächer zu studieren, um die ausfallenden Männer zu kompensieren. Sogar den Absolventinnen hauswirtschaftlich orientierter Schul­typen wurden nun die Sonderreifeprüfungen zur Erlangung der Studienberech­tigung erlassen.

Es gab also in der ganzen hier überblickten Zeitspanne keine eindeutigen Sig­nale der Politik für studienwillige Frauen, vielmehr wurden sie mehr oder weni­ger offen als arbeitsmarkt- und bildungspolitische Verschiebemasse betrachtet. Bei all den wechselhaften Konjunkturen lässt sich über den erlebten Alltag der Technikstudentinnen mangels entsprechender Quellen nur wenig sagen: jeden­falls sind kaum disziplinarische Verstöße dokumentiert, die auf gröbere Konflikte hindeuten würden. 51 Anlaufschwierigkeiten, wie etwa das Fehlen eigener Da­mentoiletten, wurden prompt behoben - allerdings bemerkenswert spät (erst 1925!), und auch da nicht aus Initiative der Hochschulverwaltung, sondern nach schriftlicher Intervention des Vaters einer Studentin. 52 Die wenigen vorhandenen zeitgenössischen Fotos des Studienalltags in Labors oder bei Versuchen zeigen eher ein kollegiales Zusammenwirken. Studentinnen haben auch gemeinsame Petitionen von Studierenden mitunterschrieben. Es ist also zu vermuten, dass dieDamen, auch wegen ihrer geringen Zahl, durchwegs von ihren männlichen Studienkollegen akzeptiert wurden. Inwieweit dieser Eindruck der Realität aus der Sicht der Studentinnen entsprach und wieweit sich das Verhältnis zu den

50 Vgl. für das Folgende: Mikoletzky, Georgeacopol-Winischhofer, Pohl, siehe Anmerkung 3, S. 113-184.

51 Um Missverständnisse zu vermeiden, sei darauf hingewiesen, dass Disziplinaranzeigen den ge­samten Bereich desunakademischen Verhaltens betrafen: von nächtlicherRuhestörung durch Studierende unter Alkoholeinfluss über Diebstähle bis hin zum Verprügeln jüdischer Kommilito­nen. Auch Verfehlungen im sexuellen Bereich fielen darunter - zu diesem Punkt haben sich im fraglichen Zeitraum keinerlei Unterlagen erhalten.

52 Siehe AT TUWA, Rektoratsakten, RZI.1836-1924/25.

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