Aufsatz 
Zur Konstitution und Neuverhandlung von Handlungsfähigkeit und Geschlecht in Prozessen der Digitalisierung / Tanja Carstensen
Entstehung
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Handlungsfähigkeit und Geschlecht

Mit der Flexibilisierung von Arbeitszeiten und Arbeitsorten gehen aber auch Belastungen einher. So sind mit den digitalen Technologien die Erwartungen gestiegen, permanent erreichbar zu sein . 50 Eine Untersuchung aus Island, die männliche und weibliche Führungskräfte interviewt hat, gibt zudem erste Hin­weise, dass digitale und mobile Arbeit lediglich dazu führen, dass mehr Tätig­keiten gleichzeitig ausgeführt werden, dass zum Beispiel am Wochenende im Wohnzimmer gearbeitet wird, während gleichzeitig die Kinder spielen. Ein Vater beschreibt dies folgendermaßen:It is important for me to work on the sofa, but not in a separate room. That is actually the only way for me to use the three hours I have with my kids also for work . 51 Hier deutet sich an, dass immer mehr Situationen als Erwerbsarbeitszeit nutzbar gemacht werden, mithilfe der digita­len Technologien mehr Arbeit erledigt und so der Alltag optimiert werden kann. Wenn auf diese Weise Erwerbsarbeit immer weiter ausgedehnt wird und da­durch in der Tat mehr Arbeit erledigt werden kann, kann dies zu einer Norma­lisierung der gleichzeitigen Erfüllung von Erwerbs- und Sorgearbeiten führen. Digitale Technologien werden dann zu Hilfsmitteln, die gestiegenen Anforde­rungen in allen Bereichen besser zu bewältigen und über Multitasking, perma­nente Erreichbarkeit und das ständige Erledigen von Erwerbsarbeitsaufgaben zwischendurch mehr schaffen zu können. Mit digitalen Technologien und den dadurch veränderten Rahmenbedingungen der Erwerbsarbeit werden zwar Menschen mit Sorgeverpflichtungen in die Lage versetzt, mehr Erwerbsarbeits­aufgaben erledigen zu können - und damit in gewissem Sinne handlungsfä­higer. Gleichzeitig finden sich hierbei wenig Hinweise, dass sich dadurch die geschlechterdifferenzierende Arbeitsteilung und die ungleiche Verteilung von Sorgearbeit ändert. Viel eher nehmen Doppelbelastungen noch zu, Vereinbar­keitsprobleme werden individualisiert gelöst und die damit verbundenen Leis­tungen und Belastungen werden aus betrieblicher Sicht immer unsichtbarer. Handlungsspielräume und kleinere Entspannungen und Belastungen entstehen mit digitalen Technologien zwar auch; Arbeitsverdichtung und erhöhte Anforde­rungen an Vereinbarkeitsleistungen könnten aber auch zu engeren Handlungs­bedingungen führen . 52

50 DGB-Index Gute Arbeit: Arbeitshetze, Arbeitsintensivierung, Entgrenzung. So beurteilen Be­schäftigte die Lage. Berlin 2012, hier S. 10.

51 Guöbjörg Linda Rafnsdöttir, Ölöf Jüliusdöttir: Reproducing gender roles through virtual work. The case of senior management. International Journal of Media & Cultural Politics 14 (2018), Heft 1, S. 77-94; hier S. 87.

52 Carstensen, Verunsichtbarung, siehe Anmerkung 45.

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