Aufsatz 
Zur Konstitution und Neuverhandlung von Handlungsfähigkeit und Geschlecht in Prozessen der Digitalisierung / Tanja Carstensen
Entstehung
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Handlungsfähigkeit und Geschlecht

und Männlichkeit hierbei ungebrochen; gleichzeitig sind zumindest auf symbo­lischer Ebene Neuverhandlungen und Neubewertungen des Verhältnisses von bezahlter und unbezahlter Arbeit, Produktion und Konsumption und der damit verbundenen vergeschlechtlichten Konnotationen immerhin denkbar - auch wenn diese zurzeit noch nicht empirisch erkennbar sind.

Duffy zeigt wiederum, wie die Tätigkeiten von vielen Modebloggerinnen, abgese­hen von den wenigen finanziell Erfolgreichen, oftmals unsichtbar und unbezahlt bleiben und dabei gleichzeitig für Unternehmen extrem verwertbar sind und von diesen selbstverständlich erwartet werden . 57 Zudem wird gerade hier folgen­de Ambivalenz sichtbar: Das Engagement von Frauen in den sozialen Medien stellt einerseits Partizipation und Empowerment dar, weil dadurch unterschied­liche Alltagsrealitäten von Frauen öffentlich werden, die normative Annahmen von Weiblichkeit in Frage stellen oder herausfordern können; zum anderen wird auf die neoliberalen Mechanismen verwiesen, denen dieses Handeln unterliegt: die erforderliche Selbstdisziplin, die Notwendigkeit von Selbstvermarktung und unternehmerischem Handeln . 58 Auch Jarrett spricht von einertension between agency and exploitation ." 59

Letztlich wird deutlich, dass durch digitale Technologien zwar einerseits Sicht­barkeiten zunehmen, indem auf bestimmte geschlechterpolitisch relevante Pro­blemlagen aufmerksam gemacht werden kann, Alltagsrealitäten sichtbar werden und auch in der Erwerbsarbeit Arbeitsergebnisse, Leistungen und Kompeten­zen eine neue, digitale Sichtbarkeit erlangen können. Gleichzeitig entwickeln sich aber auch neue Prozesse der Verunsichtbarung, weil die Arbeitdahinter nicht bzw. nicht als Arbeit und Aufwand zu sehen sind; auch bleibt zu fragen, welche der unbezahlten Arbeiten Anerkennung bekommen und welche nicht; und schließlich sind dabei die Machtverhältnisse der digitalen Ökonomie nicht außer Acht zu lassen.

Resouveränisierungen

Auch wenn einiges dafür spricht, dass mit der Digitalisierung Manipulationen von Handlungen, Überwachung, Disziplinierungen, Normierungen und Ste­reotypisierungen von Handeln, Verlust an Souveränität, enge Vorgaben für

57 Brooke Erin Duffy: Gendering The Labor Of Social Media Production, in: Feminist Media Studies 15 (2015), Heft 4, S. 710-714.

58 Auch: Sarah Banet-Weiser: Authentic TM: The Politics of Ambivalence in a Brand Culture. New York 201 2.

59 Jarrett, siehe Anmerkung 54, S. 11.

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