Tanja Carstensen
geschlechtliche Positionierungen, steigende Anforderungen und verfestigte Arbeitsteilungen verbunden sind, lassen sich gleichzeitig nach Durchsicht der unterschiedlichen theoretischen Ansätze und empirischen Ergebnisse verschiedene Ausprägungen von Handlungsfähigkeit mit, gegenüber, in Abgrenzung von und durch digitale Technologien identifizieren. Dies betrifft neue Selbstdarstellungsmöglichkeiten, Einflussnahme auf Öffentlichkeiten und Empowerment, dies betrifft aber auch die Konstitution von Handlungsfähigkeit in den Spannungsfeldern zwischen Verbundenheit und Abgrenzung, wie beispielsweise im new feminist materialism und seiner Konzeption von agentiellen Schnitten deutlich wird; oder auch in den Spannungen von neuen Sicht- und Unsichtbarkeiten, Entspannungen und Verdichtungen des Alltags sowie der Gleichzeitigkeit von Ökonomisierung und Empowerment. STS, Arbeitssoziologie, digital labor Debatten, new materialism und Medien- und Kommunikationswissenschaften nehmen dabei höchst unterschiedliche Theorieperspektiven ein und zeigen verschiedene Ausschnitte der neuen Konstellationen aus Geschlecht, Technik und Handlungsfähigkeit. Vergleichbar ist aber bei vielen der auch empirisch beobachtbaren Handlungsweisen der Versuch, die digitalisierte Umgebung und damit auch die digitalen Technologien selbst so zu nutzen oder sogar (um)zu- gestalten, dass sie Handlungsfähigkeit zu behaupten, Geschlechterverhältnisse zu verhandeln und gute Lebensbedingungen zu etablieren versuchen. Möglichweise ist das das Charakteristische der Handlungsfähigkeit in digitalisierten Kontexten: Das Handeln und die Konstitution von Geschlecht sind hochgradig verwickelt mit digitalen Technologien und oft weder autonom noch frei; an den Rändern und Grenzen finden aber zahlreiche, individuelle und kollektive Kämpfe, Widersetzungen, Vervielfältigungen, eigensinnige Praktiken und Versuche der Resouveränisierung statt, die versuchen, Handlungsspielräume (wieder) zu vergrößern und Geschlecht mitzugestalten.
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