Sophie Gerber
offenzulegen und zu dekonstruieren . 24 Sie wollen scheinbar selbstverständliche Ordnungen irritieren und starre Begrifflichkeiten vermeiden. Trotz des starken Fokus auf Gender ist es ein Anliegen der Queer Studies, andere herrschaftsgenerierende Verhältnisse nicht aus dem Blick zu verlieren.
Für (Technik-)Historiker_innen und Museumsexpertjnnen stellt sich die Frage, wie Queer Theory sinnvoll angewandt werden kann. Gibt es einen Erkenntnisgewinn? Schließlich scheint die in der Queer Theory angestrebte Veruneindeu- tigung vermeintlicher Selbstverständlichkeiten und die Vermeidung allgemeingültiger Aussagen ein Widerspruch zu den Zielen der meisten Wissenschaften, und auch der Geschichtswissenschaft zu sein. Auf der anderen Seite sind die Methoden der Geschichtswissenschaft nicht selten bereits Forderungen der Queer Studies. Die Betonung der Performanz im Sinne sozialer Handlungen und Aufführungen sowie deren Veränderbarkeit und Flexibilität, die Wirklichkeiten bedingen kann, gehört beispielsweise dazu.
Die Anwendung queerer Perspektiven bedeutet nicht, dass die historische Untersuchung der Herstellung und Stabilisierung binärer Geschlechterordnungen sowie deren Auswirkungen auf Lebensrealitäten nicht anerkannt werden. Ohne die duale Geschlechterordnung zu ignorieren, ist ein geschärfter Blick auf den historischen Wandel und die Pluralisierung von Gender- und Körperbildern gewinnbringend. So können Mechanismen offengelegt werden, wie Zuschreibungen von Gender entstehen und verfestigt werden . 25
Sind historische Quellen überhaupt queer les- und deutbar? Einerseits bedient sich die historische Methode durchaus denselben Prämissen wie die queer theory 26 - andererseits ist die Bearbeitung von Quellen mittels Methoden der Geschichtswissenschaft aus zweierlei Gründen schwierig. Die Anwendung queer informierter Zugriffe auf historische Quellen birgt die Gefahr, historische Gegebenheiten wie Selbstverständnisse von Individuen sowie präsente binäre Strukturen zu übersehen und queere Subjekte zu schaffen, die es gar nicht gab. Schließlich handelt es sich um einen in der gesellschaftlichen Debatte ebenso wie in der Forschung relativ neuen Begriff. Zudem sind Zeugnisse von Ak-
24 Beatrice Michaelis, Gabriele Dietze, Elahe Haschemi Yekani: Einleitung. The Queerness of Things not Queer: Entgrenzungen - Affekte und Materialitäten - Interventionen, in: Feministische Studien 30 (2016), Heft 2, S. 2.
25 Weiter als dieser auf Interaktionen fokussierte Konstruktivismus geht der diskurstheoretische Konstruktivismus, der auch das biologische sex als Produkt von Machtverhältnissen deutet.
26 Marie-Christine Schlotter: Unordnung der Geschichte. Reflexion über die Verbindung von queer theory und Geschichtswissenschaft, aus: https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/fmi/ins- titut/arbeitsbereiche/ab_didaktik/QHM-Material/Unordnung-der-Geschichte_2001 201 4.pdf (3.1.2019)
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