Sophie Gerber
neue Sichtweisen ermöglicht und machtvolle Kategorien unterwandern kann. 28 In diesem Sinne gilt es, auch die als universell geltenden Kategorien „Frau“ und „Mann“ nach Uneindeutigkeiten zu befragen. Forschungen aus angrenzenden Disziplinen wie der Technik- und Sportsoziologie und der Medizingeschichte, aber auch der zeitgenössischen Kunst zeigen Möglichkeiten der Auseinandersetzung auf und liefern Denkanstöße für eine Übertragung ins Museum.
Uneindeutiges Handeln im Roller Derby
An der Schnittstelle von Technik und Körper als Projektionsfläche queerer Diskussionen liegt die Beschäftigung mit Sport als technisiertem menschlichen Handeln nahe.
Roller Derby ist ein Vollkontaktsport auf Rollschuhen, der in den 1930er-Jahren erstmals in den USA ausgeübt wurde und seit Beginn der 2000er-Jahre von dort ausgehend ein Revival erlebt. Inzwischen gibt es auch im deutschsprachigen Raum eine immer größer werdende Roller Derby-Szene; in Österreich sind derzeit fünf Vereine aktiv, 2017 hat sich ein Nationalteam formiert. Den Sport und seine Spielerjnnen zeichnen, neben körperlicher Fitness, sportlichem Können und dem Beherrschen von Regeln, Kreativität und eine selbstbewusste Haltung aus. Spezifische materielle Kultur prägt den Sport, so fahren die „derby girls“ auf Rollschuhen, tragen Schutzkleidung und Uniformen.
Roller Derby versteht sich als inklusiv und queer. Der in Wien ansässige Verein Vienna Roller Derby nimmt Frauen auf und diejenigen, die sich nicht mit der Genderbinarität identifizieren. 29 Roller Derby bietet einen „gendered space“, 30 in dem vor allem Frauen mit alternativen Ausdrucksformen von Gender spielen können. 31 Dadurch können sie dem allgegenwärtigen Druck entkommen, gewissen Gendervorstellungen gerecht zu werden.
Das Spiel mit Geschlechterrollen mithilfe von Materiellem, wie Rollschuhen und Kleidung, in dieser Sportart ist für eine queer informierte, technikhistori-
28 Nora Sternfeld, Martina Griesser: „Duty, Guilt, Indifference, Awe, Fatigue, Nostalgia, Ecstasy, Fear, Panic“. Unzeitgemäßes Kuratieren als dissidente Treue zum Material, in: Döring, Fitsch, siehe Anmerkung 4, S. 145-1 58.
29 Auf der Website heißt es unter dem Punkt „Recruiting“: „women* and those who do not identify with the gender binary“, aus: http://www.viennarollerderby.org/recruiting/ (27.12.2018). Als Cheerleader von Vienna Roller Derby agieren Männer, die „Fearleaders“, und brechen so auch das Stereotyp eines „klassischen Frauensports“ auf.
30 Ein Begriff, der u. a. in der Humangeographie Verwendung findet für Orte, die gewisse Gender oder Ausdrücke von Gender willkommen heißen und andere ablehnen. Wie Beaver anmerkt, „in a world full of gender constraints these spaces are important.“, vgl. Travis D. Beaver: Roller Derby Uniforms. The Pleasures and Dilemmas of Sexualized Attire, in: International Review for the Sociology of Sport 51 (2016), Heft 6, S. 655.
31 Ebd.
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