Out of the box
sehe Perspektive interessant. Sowohl die Objekte als auch das Handeln mit ihnen und das Wissen über sie sind Gegenstand des technikgeschichtlichen Blicks. Die Rollschuhe können als technisierter Ausdruck von Geschick, Sportlichkeit und Schnelligkeit interpretiert werden. Die „derby girls“ üben den Sport oft in sexualisierter, sehr feminin konnotierter Kleidung aus. Die Sportuniformen wurden in der angloamerikanischen Forschung über Roller Derby als apologetische, quasi rechtfertigende Strategie gelesen, um Vorwürfen des, „Männisch“- oder Lesbischseins zu entgegnen. Soziologisch-ethnographische Studien, im Rahmen derer die Spielerjnnen nach der Auswahl ihrer Uniformen und deren Aneignung befragt wurden, zeigen aber, dass Roller Derby-Spieler_innen ihre Kleidung als Form eines symbolischen „undoing gender“ interpretieren. Mit der Auswahl und dem Tragen ihrer Kleidung widersetzen sie sich aktiv gegen binäre Gendervorstellungen und die Gleichsetzung von Sportlichkeit mit Männlichkeit . 32 Die Uniformen sind keine Rechtfertigung für die Nichtentsprechung von Geschlechternormen, sondern werden eingesetzt, um mit Genderzuschreibun- gen zu spielen: Vermeintlich „maskuline“ und „feminine“ Normen werden nachahmend und parodisierend gegenübergestellt. So wird die Natürlichkeit der binären Geschlechterordnung durch Performativität irritiert und infrage gestellt . 33 Die Spielerjnnen begeben sich in Positionen, die nicht von der starren Binarität des Männlichen und Weiblichen eingeengt sind, auch wenn die Infragestellung überhöhter Weiblichkeit nicht unbedingt eine Untergrabung vom Standard der Zweigeschlechtlichkeit mit sich bringt . 34
Neben dieser Brechung von sich vermeintlich konträr gegenüberstehenden Gendervorstellungen, finden im Roller Derby und dessen Umfeld auch Auseinandersetzungen um Diversität innerhalb der Kategorien weiblich und männlich bzw. Frau und Mann statt. Die Frage nach Beziehungen und Dynamiken unter Frauen bzw. zwischen verschiedenen Ansichten und Praktiken von Weiblichkeiten) hat gezeigt, wie machtvolle Geschlechterverhältnisse herausgefordert werden. Roller Derby bietet Raum, um alternative, auch innerhalb der Ordnungskategorie „Frau“ hegemoniale oder stigmatisierte Weiblichkeiten und Außenseiterinnen zu konstruieren, aber auch wiederum zu parodisieren . 35 Diese
32 Ebd., S. 640.
33 Nancy J. Finley: Skating Femininity. Gender Maneuvering in Women’s Roller Derby, in: Journal of Contemporary Ethnography 39 (2010), Heft 4, S. 359-387; Jennifer Carlson: The Female Signi- fiant in All-Women’s Amateur Roller Derby, in: Sociology of Sport Journal 27 (2010), Heft 4, S. 428-440.
34 Carlson, siehe Anmerkung 33.
35 Vgl. Finley, siehe Anmerkung 33.
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