Aufsatz 
Out of the box : Technikforschung, Museum, Gender und Queer / Sophie Gerber
Entstehung
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Sophie Gerber

inneren Hierarchien legen die Komplexität vermeintlich fixierter Kategorien offen und machen die Handlungsmacht Einzelner sichtbar.

Das Beispiel Roller Derby zeigt, dass die Befragung von Akteurjnnen indivi­duelle Geschichten, Widerständigkeiten und Unangepasstheiten offenbart, die nicht der Logik einer closure als abgeschlossener Interpretation von Gender folgen. Ausstehend ist eine Untersuchung des Sports auf internationaler Ebene und eine Überprüfung der Ergebnisse aus der vorrangig US-amerikanischen Forschung. Nichtsdestotrotz ermöglicht das Beispiel ein Verständnis der An­eignung von materieller Kultur im Sport und Erfahrungen mit Gender und kann auch auf Technik und deren Nutzung angewandt werden.

Die Erkenntnisse aus diesem Beispiel können im Museumskontext umgesetzt werden, indem Nutzerjnnengeschichten stärker dokumentiert und partizipa- tive Formate entwickelt werden. Die materielle Kultur des Roller Derby bietet sich beispielsweise für Museen an, um in Verbindung mit Nutzungsgeschich­ten eine individuelle, queer informierte Technikgeschichte des Sports erzählen zu können.

Die Frage, wie alltäglichen Technologien Gender eingeschrieben ist bzw. wie sie queer genutzt werden können, kann auch anhand moderner Kommunikati- ons- und Medientechnologien unter die Lupe genommen werden. Schließlich ist im Zuge einer um sich greifenden Technikeuphorie der Wunsch nach der Überschreitung vermeintlich natürlicher Grenzen gewachsen. Im Zuge dessen wird z. B. der Cyberspace vermehrt als Raum wahrgenommen, der unter dem Schlagwort desgender swapping die Möglichkeit bietet, keine eindeutige Ge­schlechtsmarkierung zu wählen. Dass Geschlechtsidentitäten mit den Mitteln der Kommunikationstechnologien verschleiert und nicht zuordenbar werden, sorgt in der virtuellen Kommunikation für Unbehagen . 36 Gleichermaßen regt es zum Nachdenken an über die soziale Dimension und Konstruktion von Gen­der und die Infragestellung von Genderidentitäten unabhängig vom Körper . 37 Dessen Abwesenheit lässt queeres Genderhandeln und einen spielerischen Umgang mit Geschlechterrollen sowie einen Identitätswechsel, z. B. durch das Verwenden anderer Namen, zu. Allerdings hat sich gezeigt, dass auch im Inter­net Beziehungen kaum frei von Körperlichkeit sind und der Cyberspace zur Ver­festigung von Genderzuschreibungen beiträgt.

36 Valeska Lübke: CyberGender. Geschlecht und Körper im Internet. Königstein 2005.

37 Sherry Turkle: Life on the Screen. Identity in the Age of the Internet. New York 1995; Allucquere Rosanne Stone: The War of Desire and Technology at the Close of the Mechanical Age. Cam­bridge, MA 1995.

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