Sophie Gerber
Die Arbeit mit materieller Kultur im musealen Umfeld spielt sich auf der Ebene der Sammlungen und des Objekterwerbs, Ausstellungen und Forschung ab. Dabei kann das gleiche Objekt einerseits von jedem Menschen anders wahrgenommen werden und andererseits aus kuratorischer Sicht verschiedene Perspektiven und Erzählungen eröffnen. Diese Sichtweisen sind u. a. geprägt von Geschlecht, sozialer Herkunft, Religion und ökonomischen Verhältnissen, sie gelten auch für Forscherjnnen und Kuratorjnnen und müssen mitgedacht werden. Eine multiperspektivische Herangehensweise erlaubt es, bisher vernachlässigte Aspekte in Sammlungen und Ausstellungen zu integrieren. Das bedeutet, bestehende Narrative zu ergänzen und gegenüberzustellen und neue Lesarten zu wagen . 45
Hier bieten sich mehrere Herangehensweisen an: Eine Erweiterung des Kanons um queere Objekte sowie ein erweiterter Blick auf bestehende Sammlungen - mit den Mitteln der Semiotik einerseits und andererseits, indem queer als dekonstruierendes Interpretationswerkzeug genutzt wird. Außerdem verweisen Dinge auf Subjekte und umgekehrt. Daher können Biographien „queerer Personen“ 46 , z. B. Erfinderinnen, Wissenschaftlerjnnen, Produzentjnnen und eben Nutzerjnnen etc. einen Zugang zu Artefakten bieten. Für die Popularisierung des Moog Synthesizers war z. B. die amerikanische Komponistin Wendy Carlos eine Schlüsselfigur; an der Entschlüsselung der Chiffriermaschine Enigma war der britische Mathematiker und frühe Informatiker Alan Turing maßgeblich beteiligt.
Eine weitere Möglichkeit, Objekte und Erzählungen in Form von Sammlungen und Ausstellungen zu queeren, ist neben dem Identifizieren queerer Inhalte und Kontexte die Sichtbarmachung von historischen sowie gegenwärtigen Objekt- konnotationen und -beziehungen . 47 Denn (technische) Objekte sind immer auch Zeichen. Sie haben technische Eigenschaften, eine oder mehrere Funktionen und konkreten Nutzen, vermitteln aber auch soziale und ebenso geschlechtliche Bedeutungen. Vor dem Hintergrund der Semiotik können technische Artefakte in Hinblick auf symbolische Geschlechterrepräsentationen „gelesen“ werden.
45 Einen nützlichen, praxiserprobten Leitfaden für eine Neusichtung von Museumssammlungen bietet „Revisiting Collections“ des britischen Collections Trust, vgl. https://collectionstrust.org.uk/ resource/revisiting-museum-collections/ (14.1.2019)
46 Vgl. z. B. Patricia Kotzauer: Queer Things? Sammellust und Selbstinszenierung bei August dem Glücklichen (1772-1822), in: Anne Conrad, Johanna E. Blume, Jennifer J. Moos (Hg.): Frauen - Männer - Queer. Ansätze und Perspektiven aus der historischen Genderforschung. St. Ingbert 2015, S. 177-189.
47 Die Kunstgeschichte hat sich beispielsweise unter dem Stichwort „gay objects“ Kunstwerken und materieller Kultur gewidmet, in denen sich nicht-heteronormatives, sexuelles Verlangen ausdrückt.
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