Aufsatz 
Out of the box : Technikforschung, Museum, Gender und Queer / Sophie Gerber
Entstehung
Seite
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Out of the box

Dass Objekte in wechselseitiger Beziehung zu Geschlechterordnungen und -praktiken stehen und mit ihrer Nutzung u. a. geschlechtliche Identitäten kons­truiert werden, hat Anne-Katrin Ebert am Beispiel von Fahrrädern und Radfah­ren und Heike Weber anhand tragbarer Audio- und Kommunikationsgeräte wie Kofferradio, Walkman und Handy gezeigt . 48 Demnach dient tragbare Konsum­elektronik der eigenen Identitätsgestaltung sowie der Körper- und Identitäts­inszenierung gegenüber anderen Personen . 49 Die Gestaltung und Trageweisen portabler Geräte sind geschlechtsspezifisch bestimmt, u. a. wurden Taschenra­dios für Frauen für und in Form von Handtaschen designt . 50 Das Fahrrad wird von Ebert auf die performative Konstruktion von Geschlechterbildern, konkret dem der unabhängigen, modernen und selbständigen Frau im Umgang mit Ob­jekten, untersucht . 51

Im Anschluss an die Frage, was Artefakte in den alltäglichen Inszenierungs- und Konstitutionsprozessen von Geschlecht tun, kann auch nach der queeren Be­deutung und Aufladung von Artefakten gefragt werden. In diesem Sinne kön­nen die Dinge Rollenbilder performen, sie werden aber auch anders genutzt als vorgesehen. Um Geschichten von (Um-)Nutzungen, die z. B. Veränderungen in der Produktion auslösen können, in Erfahrung zu bringen, muss nach der An­eignung und dem Gebrauch von Dingen gefragt werden. Bislang unbeachtete, widerständige (Objekt-)Geschichten sollen so angesprochen werden. Auch bi­näre Geschlechterzuschreibungen (und Machtverhältnisse) sind den Objekten eingeschrieben, aber verhandelbar. Nutzungen und Dinggeschichten können aus diesen Zuschreibungen ausbrechen und diese Widerständigkeiten können durch die Befragung von Nutzerjnnen herausgearbeitet werden, wie das Bei­spiel des Roller Derby gezeigt hat. Denn es sind multiple Perspektiven, die aus Sicht von Einzelnen oder Gruppen auf Technologien gerichtet werden können. Eine offene, queere Lesart kann diese offenlegen. Das queere Potential von Objekten zu entdecken, verändert seine Rolle in der Sammlung nicht, erweitert aber seine Dimensionen und trägt zur inhaltlichen Tiefe einer Sammlung bei . 52 Queer als Methode anzuwenden und queere Denkformen und Blickwinkel auf

48 Anne-Katrin Ebert: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940 (= Historische Studien 52). Frankfurt am Main, New York 2010; Heike Weber: Das Versprechen mobiler Freiheit (= Science Studies). Bielefeld 2008.

49 Vgl. Weber, siehe Anmerkung 48, S. 23.

50 Vgl. ebd., S. 117.

51 Vgl. Ebert, siehe Anmerkung 48, S. 91-145.

52 Jessie Lymn, Sam Leah: What makes an object queer? Collecting and exhibiting LGBT stories in regional museums and archive, aus: http://www.informationr.net/ir/22-4/rails/rails1616.html (10.1.2019)

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