Aufsatz 
Out of the box : Technikforschung, Museum, Gender und Queer / Sophie Gerber
Entstehung
Seite
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Sophie Gerber

vermeintlich nicht queere Dinge und Praxen anzuwenden, verspricht neue Er­kenntnisse . 53 Für technische Objekte bedeutet das, sie als kulturelle Äußerung zu verstehen, die Aussagen über Gender trifft. Um nur wenige Beispiele aus der Arbeit im Technischen Museum Wien anzudeuten: Eine pinke Handyhülle kann Ausdruck der selbstbewussten Zurschaustellung der eigenen Sexualität sein, Rasierapparate können über den Umgang mit dem und die Gestaltung des Körpers erzählen und Sonnenblenden mit oder ohne Schminkspiegel in Autos haben mit eingeschriebenen Geschlechterbildern zu tun . 54 Herausforderungen im Umgang mit Material zur Geschichte und Kultur von LGBTIQ+ bestehen auch in Fragen der Klassifizierung und Kuratierung. Schließlich steht die Idee des Museums als meinungsbildende, Normen prä­gende Institution der Idee von Queerness als freiem, nicht festzuschreibendem Konzept entgegen. Objekte verändern ihre Bedeutung durch Einordnung in den musealen Kontext und erfahren eine Festschreibung, die der Charakteristik der queeren Begrifflichkeit widerspricht. Die Einordnung queerer Interpretatio­nen und LGBTIQ+-Geschichte in traditionelle Museumsklassifikationen, z. B. durch die Verschlagwortung in Datenbanken, ist problematisch. Allein der Akt der Klassifizierung beinhaltet ein In- und Exkludieren. AlsLabelling kann nicht nur das in der Museumsarbeit bei verschiedenen Prozessen praktizierte Ka­tegorisieren, u. a. bei der Bearbeitung von Objekten und dem Verfassen von Objektbeschriftungen für Ausstellungen, sondern auch eine gesellschaftliche Stigmatisierung verstanden werden . 55 Ganz grundsätzlich herrscht ein Dilemma hinsichtlich binärer Festschreibungen in der Dokumentation, u. a. in Museums­datenbanken: Benennungen reproduzieren Stereotype, Nicht-Benennungen führen zu Unsichtbarkeit . 56 Dieser Schwierigkeit wird sich die zukünftige For­schung zum queeren Museum stellen.

Objekte als Bestandteile alltäglicher Aufführungen, im Sinne von Butlers Per- formativität, zu lesen und einen Fokus auf Handlungen und Prozesse zu legen, kann eine Weiterführung der Geschlechtergeschichte zu einer queeren Ge­schichte bedeuten und diese Prozesshaftigkeit auch zur Leitlinie von Ausstel-

53 Auch ein Heft derFeministischen Studien plädiert für die Anwendung queerer Denkformen auf nicht queere Praxis- und Dingwelten, vgl. Feministische Studien 30 (2016), Heft 2.

54 Christian Klösch: Haben Sie einen Schminkspiegel im Auto? Zwei Sonnenblenden für einen VW-Käfer (Inv.-Nr. 95.403), in: Technisches Museum Wien mit Österreichischer Mediathek (Hg.): Mobilität. 30 Dinge, die bewegen. Wien 2015, S. 102-107.

55 Lymn, Leah, siehe Anmerkung 52.

56 Roswitha Muttenthaler: Dinge neu gebrauchen. Zum Umgang mit Sammlungen von gegenderten Dingen von Belang, in: Döring, Fitsch, siehe Anmerkung 4, S. 115-130.

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