Aufsatz 
"...aber wenn du merkst, dass den männlichen Kollegen mehr zugetraut wird als dir..." :Arbeitskontexte, Erfahrungen und Interessen von Dissertant_innen an der TU Wien / Brigitte Ratzer, Bettina Enzenhofer
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Brigitte Ratzer, Bettina Enzenhofer

nierten Feld erfolgreich ist bzw. klassische Geschlechterbarrieren durchbrochen hat. 17 Frauen in der Wissenschaft sind auch bei den Befragten wichtig, um sich besser orientieren zu können:Ich finde interessant, wie zwei meiner früheren Professorinnen auftreten: Sie haben keine hohen Schuhe oder perfekten Haare, sondern ein festes Auftreten und sind laut. Das waren Vorbilder für mich. Weil es ist ja die Frage, soll man sich als Frau ruhig verhalten? Soll man laut auftre­ten? Beides hat Vor- und Nachteile. Aber ich habe mich durch die beiden fürs laut Auftreten entschieden.An meinem Institut habe ich kein Vorbild, das finde ich schade. Oft weiß ich nicht, wie ich mich richtig verhalten soll, bei allen mög­lichen Sachen: Kleidung, ein frauenfeindlicher Witz und ich weiß nicht recht, wie ich reagieren soll. Wenn da eine andere Frau schon wäre und sie lacht darüber, wüsste ich ,ah, OK, die geht so damit um', oder ,sie kleidet sich so. Die Männer haben bei uns Einheitskleidung: Jeans und V-Pulli, immer. Zuerst habe ich mich auch so angezogen, dann dachte ich, eigentlich sollte ich nicht die Uniform der Männer annehmen. Und nicht zuletzt können kritische weibliche Vorbilder Studentinnen explizit bestärken:Im Bachelorstudium war ich noch gar nicht Feministin und habe eine Lehrveranstaltung bei einer Frau besucht. Am Ende hat sie zu mir gesagt: ich bin die einzige Frau, ich muss stark bleiben und mich durchsetzen. Erst da habe ich begonnen, darüber nachzudenken.

Das Fehlen von Frauen kann sich auch innerhalb der eigenen Studienkohor­te negativ auswirken:Während meines Studiums waren zwar mehr Männer als Frauen, aber das fand ich nicht störend. Aber in einer Lehrveranstaltung war es störend, dass ich die einzige Frau war. Ich wollte mich beim Professor über etwas beschweren und dachte mir, ich mache das nicht, weil er sonst weiß, dass ich das bin, wenn er die schriftliche Prüfung sieht. Also habe ich ge­schwiegen. Denn als einzige Frau bist du natürlich erkennbar. Manchmal macht erst das Nachdenken über Geschlechterverhältnisse bewusst, was die Präsenz von Frauen bedeutet:Wenn man mich fragen würde, ob mir die Anwesenheit anderer Frauen wichtig ist, würde ich nein sagen. Aber wenn ich meine Wahl beobachte, ist es wahrscheinlich schon ein Faktor, dass man nicht als einzige Frau in der Arbeitsgruppe ist.

An der TU Wien ist Chancengleichheit seit 2004 im Frauenförderungsplan ver­ankert. Trotz dieses Plans erleben manche Studentinnen auch Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts:So ein bisschen subtiler Sexismus war der Grund, warum ich nicht in der anderen Arbeitsgruppe sein wollte. Überhaupt nicht ex-

17 Penelope Lockwood:Someone like me can be successful: Do college students need same-gen­der role models? In: Psychology of women quarterly 30 (2006), Heft 1, S. 36-46.

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