Birgit Hofstätter, Anita Thaler
Technologien sind damit also weit mehr als Gebrauchsgegenstände und Prozesse. Sie haben eine eigene Wirkmacht. Bruno Latour 12 , der die Akteur-Netz- werk-Theorie mitbegründet hat, nach welcher Technologien eben auch Akteure*- innen sind, beschreibt das am Beispiel eines automatischen Türöffners. Hier steht keine Person, die die Türe öffnet und hinter uns schließt. Ein Mechanismus sorgt dafür und wir reagieren darauf. Je nachdem, wie rasch die Türe sich öffnet und schließt, bewegen wir uns schneller oder langsamer durch den Eingang, bzw. geraten mit der dahinterliegenden Technologie in Konflikt, wenn wir unser Verhalten nicht darauf einstellen, wie der Mechanismus es vorsieht (beispielsweise, wenn eine Bustür sich zu rasch schließt und wir noch nicht hindurch sind). Der Türöffner bzw. Schließmechanismus ist ein Akteur - von Menschen gemacht, aber unabhängig von ihrem Beisein wirksam. Technologien haben also eine Wirkmacht, und es sind Machtverhältnisse darin eingeschrieben. Um nochmals das Beispiel des Türöffners heranzuziehen: Die Geschwindigkeit, mit der der Mechanismus arbeitet, bestimmt, welches Verhalten als „Norm“ gesetzt wird. Eine sich rasch schließende Türe ist nicht auf langsame Menschen eingestellt, kann bei jenen Unwohlsein und Stress auslösen bzw. das Gefühl vermitteln, nicht passend zu sein. Damit ist dies eines von vielen Beispielen für in Technologien eingeschriebene Machtverhältnisse.
Es ist aber nur in letzter Konsequenz die Technologie, die Machtverhältnisse herstellt, aufrechterhält, Normen stabilisiert. In ihrer Entwicklung steckt das Potential ihrer Wirkmacht. Daher müssen wir uns fragen: Wer gestaltet jene Technologien, die wiederum unsere Gesellschaft gestalten? Mit welchen Absichten wird etwas entwickelt und welche Menschenbilder wirken durch das Entwicklungsteam in die Technologie ein? Wofür wird entwickelt, worin wird investiert? Wie groß ist der Gestaltungsfreiraum für Anwenderinnen, diese Technologien anzueignen, weiterzuentwickeln, anzupassen, umzufunktionieren? Welche Kenntnisse vonseiten der Nutzerinnen sind für die Mitgestaltung erforderlich, wie zugänglich ist das Wissen hinter der Entwicklung ? 13 Unser Anspruch von „Technikbildung für alle“ zielt also nicht darauf ab, dass sie möglichst viele Technikerinnen und Ingenieurinnen hervorbringt. Wir sehen in Technikbildung ein emanzipatorisches Unterfangen, einen Ermächtigungs-
1 2 Vgl. Bruno Latour: Where are the missing masses? Sociology of a few mundane artefacts, in: Wiebe E. Bijker, John Law (Hg.): Shaping Technology - Building Society. Studies in Sociotechni- cal Change. Cambridge, MA 1992, S. 225-259.
13 Vgl. dazu Beiträge aus Nelly Oudshoorn, Trevor Pinch (Hg.): How Users Matter: The Co-Construction of Users and Technology. Cambridge, MA 2003.
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