Gelebte Utopie
prozess mündiger Bürgerinnen in einer technologischen Zivilisation. 14 Dazu gehören neben Anwendungskenntnissen zweifelsohne auch Reflexionswissen, aus welchen sozialen, ökologischen, ethischen oder wirtschaftlichen Umständen Technologien hervorgehen, welche Verhältnisse damit wiederum hergestellt werden und wie wir mit unserem Nutzungsverhalten gestaltend oder systemerhaltend mitwirken.
Empirisches Beispiel „Engineer Your Sound!” (2008-2009)
Im Pilotprojekt „Engineer Your Sound!” 15 testeten wir im Schuljahr 2008/09 erstmals die Vehikeltheorie 16 und damit den umgekehrten Weg zu jener Didaktik, die von der Theorie zur Praxis arbeitet. Wir begannen dort, wo Lernende - in unserem Fall Jugendliche - ihre Interessen haben. Es gibt zwar damit Ähnlichkeit zu anderen pädagogischen Ansätzen, wie beispielsweise dem problemorientierten oder forschenden Lernen, allerdings wird beim Vehikel-Ansatz vom Interesse der Jugendlichen ausgegangen und nicht ein Problem, das von Lehrenden vorgegeben wird, in den Mittelpunkt gestellt. 17 Es handelt sich bei einem Vehikel um ein Thema, in dem die beteiligten Schülerinnen sich kompetent und selbstwirksam fühlen. 18
An dieses idealerweise geschlechtsunabhängige Interessensthema (in diesem Projekt: Musik) werden dann naturwissenschaftliche bzw. technische Inhalte angebunden und Neugier für forschendes Lernen geweckt. In diesem Projekt verfolgten wir zudem einen transdisziplinären Bildungsforschungsansatz (Einbindung von Musik- und Technik-Expertinnen 19 ) mit ergebnisoffenem Vorge-
14 Vgl. Bamme u. a., siehe Anmerkung 1.
15 Das Projekt „Engineer Your Sound!” (Partizipative Technikgestaltung am Beispiel Musik. Beteiligung von Schülerinnen an der Entwicklung didaktischer Konzepte zur interdisziplinären Technikbildung) wurde durch das Programm „Sparkling Science“ des damaligen Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung finanziert.
16 Vgl. Thaler, Zorn, siehe Anmerkung 6.
17 Vgl. Jennifer Dahmen-Adkins, Anita Thaler: Technologische Kompetenz für alle? Interdisziplinäre Technikdidaktik mit emanzipatorischem Bildungsziel, in: Alexander Franz Koch, Stefan Kruse, Peter Labudde (Hg.): Zur Bedeutung der Technischen Bildung in Fächerverbünden: Multiperspektivische und interdisziplinäre Beiträge aus Europa. Wiesbaden 2019, S. 15-27.
18 Vgl. Albert Bandura (Hg.): Self-efficacy in changing societies. Cambridge 1997.
19 Als Kooperationspartner konnte das IEM, das Institut für Elektronische Musik und Akustik, an der Technischen Universität Graz gewonnen werden. Birgit Gasteiger, eine damals bereits in der Endphase des Studiums befindliche Tontechnik-Studierende, war unsere Technik-Coachin, Anita Thaler und Isabel Zorn führten die Begleitforschung durch, Birgit Hofstätter übernahm die pädagogisch-didaktische Begleitung der Aktivitäten.
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