Gelebte Utopie
Geschlechterstereotype aktiviert werden. Beim Projekt „Engineer Your Sound!“ haben wir mit unserem didaktischen Setting dafür gesorgt, dass technikaffine und bezüglich Technik zurückhaltende Schülerinnen Zusammenarbeiten und zurückhaltende Jugendliche sich als selbstwirksam erleben können. Dadurch zeigte sich, dass Technikaffinität und Zurückhaltung geschlechtsunabhängig auftraten. Damit vermieden wir auch, im Unterricht von „den Mädchen*“ oder „den Jungen*“ zu sprechen, auch wenn es teilweise reine Mädchen*gruppen gab. Mit der Entdramatisierung von Geschlecht im Unterricht selbst geht allerdings konsequenterweise einher, dass es mit den Jugendlichen keine Reflexion darüber geben kann, dass Geschlechterstereotype existieren und wie sehr diese die eigene Einstellung und damit auch die Haltung zu diesem oder jenem Thema beeinflussen, um den kritischen Blick zu schärfen. Bestenfalls kann eine Reflexion lediglich am Ende eines Prozesses stehen.
Selbstverständlich gibt es auch Mädchen* und Frauen*, die entgegen aller Stereotypisierungen und Widerstände einer heteronormativen und hegemonial männlichen Fachkultur ihrem Technik-Interesse folgen. Die Widerstände, mit denen Menschen, die nicht dem „Ideal eines Technikers“ entsprechen, zu tun haben, sind aber leider nach wie vor existent 29 und erschweren das „Werden und Dazugehören“ 30 von nicht prototypischen Techniker*innen (vgl. „Self-to-Proto- type-Matching-Theorie“ von Bettina Hannover und Ursula Kessels). 31 Ein Blick auf die Geschlechterverteilung in technischen Ausbildungen zeigt, dass viele Disziplinen im deutschsprachigen Raum nach wie vor mehr oder weniger vergeschlechtlicht sind. Obwohl sich die Anteile von Absolventinnen in den Ingenieurwissenschaften in Deutschland und Österreich sukzessive erhöht haben (2004-2012 von 9 auf 15 Prozent in Deutschland, von 14 auf 23 Prozent in Österreich) liegen diese nach wie vor unter dem europäischen Mittel von 28 Prozent. 32
Neben Geschlechterstereotypen und daraus folgender unterschiedlicher Sozialisation spielt homosoziale Reproduktion in technischen Berufen eine große Rolle. Mit dem Begriff „homosoziale Reproduktion“ beschreibt Rosabeth Moss
29 Thaler, siehe Anmerkung 5, hier S. 20-27.
30 Vgl. Wendy Faulkner: Belonging and becoming: gendered processes in engineering, in: Jacqueline Archibald, Judy Emms, Frances Brundy u. a. (Hg.): The gender politics of ICT. Enfield, Middlesex 2005, S. 15-26.
31 Vgl. Bettina Hannover, Ursula Kessels: Self-to-prototype matching as a strategy for making academic choices. Why high school students do not like math and science, in: Learning and instruction 14(2004), S. 51-67.
32 Europäische Kommission (Hg.): She Figures 201 5. Luxembourg 2016, S. 31.
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