Birgit Hofstätter, Anita Thaler
Kanter, 33 dass Führungskräfte Personalauswahl nach dem Prinzip der Ähnlichkeit betreiben. Das Phänomen ist in Fachkulturen zu beobachten, wo ein gewisser Habitus kultiviert wird, der auch bestimmt, wer weiterkommt und wer es doch wieder bleiben lässt (Stichwort: „Dropout“). Auch Geschlecht spielt bei dieser Auswahl nach Ähnlichkeit eine wichtige Rolle 34 Das MIT (Massachusetts Institute of Technology) beispielsweise brauchte 20 Jahre offensive Anwerbung und Kulturwandel, um im Maschinenbau-Studium ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis herzustellen. 35 Neben dem aktiven Zugehen auf junge Frauen* und der verstärkten Auswahl von weiblichen Lehrenden brachte also auch die bewusste Arbeit am Image des Maschinenbau-Studiums den gewünschten Effekt. Da jedoch homosoziale Reproduktion nicht nur Frauen* betrifft, sondern Menschen, die trotz Affinität für das Fach in der Fachkultur ein Außenseiter*innendasein führen, wurde uns bewusst, dass Geschlechtergerechtigkeit in der Technikbildung zwar sehr wichtig ist, aber letztlich zu kurz greift. Um diese sozialen Ungerechtigkeiten im System zu beseitigen, muss der Fokus von den Individuen auf die Organisationen, Fachkulturen, Normen und die gesetzlichen Regelungen erweitert werden.
Als Konsequenz aus der Reflexion über Geschlechterstereotype in Lernsituationen und deren Entdramatisierung weitete sich unser Fokus also von Mädchen* auf junge Menschen, die sich selbst als nicht technikaffin bezeichnen würden oder sich diesbezüglich nicht „kompetent“, also selbstwirksam empfinden. Dieser Blick berücksichtigt damit einerseits, dass sich Mädchen* und Frauen* durchaus für Technik interessieren wie auch andererseits die Tatsache, dass Menschen sich unabhängig von ihrem Geschlecht als technikfern empfinden. Es stellt sich damit die Frage, vor welchem gesellschaftlichen und lebensweltlichen Hintergrund Technologien entstehen. Entwickler*innen arbeiten ihre Vorstellung von den Anwender*innen in Technologien ein, wobei die eigene Lebenswelt den Ausgangspunkt für solche Entwicklungen bildet und nicht unbedingt die Lebensrealität der eigentlichen Anwenderinnen (vgl. das Konzept der „I-Methodology“). 36
33 Rosabeth Moss Kanter: Men and Women of the Corporation. New York 1977, S. 48.
34 Vgl. Paula Dressei, Bernadette Weston Hartfield, Ruby L. Gooley: The Dynamics of Homosocial Reproduction in Academic Institutions, in: Journal of Gender and the Law 37 (1994), Heft 2, S. 37-62.
35 Vgl. https://www.ingenieur.de/karriere/bildung/hochschule/die-wahren-gruende-fuer-den-gerin- gen-frauenanteil-im-maschinenbau/ (5.2.2018)
36 Vgl. Nelly Oudshoorn, Els Rommes, Marcelle Stienstra: Configuring the User as Everybody: Gender and Design Cultures in Information and Communication Technologies, in: Science, Technology & Human Values 29 (2004), Heft 1, S. 30-63.
112