Gelebte Utopie
In unserem Ansatz für Technikbildung ging es unter anderem darum, sichtbar zu machen, wie sehr unsere Lebenswelt von Technologien durchdrungen ist und aus diesem Reflexionswissen heraus einen mündigeren Umgang mit Technologien zu entwickeln. Anwendungswissen entsteht aus dem Umgang mit Technologien, meist im Zuge von informellem und unbewusstem Lernen - also außerhalb einer formellen Ausbildung, ohne Curriculum - manchmal durch Nachahmen, durch intuitives Herangehen mit Versuch und Irrtum, oder durch Anleitung aus einem Handbuch oder Tutorial. Das Reflexionswissen, die Frage nach den sozialen, ökologischen, ethischen, rechtlichen oder gesellschaftlichen Implikationen von Technologien erfordert einen Impuls von außen. So verlangt, wie wir gleich mit unserem nächsten empirischen Beispiel zeigen werden, auch der Umgang mit („sozialen“) Medien - der Konsum wie auch die Mitgestaltung - ein großes Maß an Reflexionsvermögen, um nicht nur die Möglichkeiten auszuschöpfen, sondern auch mit den Risiken dieser Technologien umgehen zu können. Dieses Reflexionswissen kommt, wie Medienforscher Henry Jenkins 37 beobachtet, nicht von alleine. Kinder und Jugendliche wachsen in eine stark mediatisierte Lebenswelt hinein, werden als „Digital Natives“ bezeichnet, ohne zu berücksichtigen, dass sie sich zwar Anwendungskenntnisse wie scheinbar von selbst aneignen, dass jedoch das Verstehen des eigenen Tuns und dessen, was sie durch ihr Medienhandeln erleben und bewirken, auf der Strecke bleibt. Reflexionswissen als wesentlicher Anteil von Technikbildung ist essentiell für die Teilhabe an einer technologischen Zivilisation.
In beiden Aspekten - dem der Teilhabe an Technikgestaltung und dem des Reflexionsvermögens - ist es eine Frage der Demokratisierung von Technikbildung und letztlich auch von Technikgestaltung - wie niederschwellig diese auch sein mag. „Technikbildung für ALLE“ heißt für uns, vor allem dort den Blick hinzulenken, wo sie nicht augenscheinlich stattzufinden scheint, wo junge Menschen um Selbstwirksamkeit kämpfen - in jeder Hinsicht - und wo Selbstwirksamkeitserfahrungen in Zusammenhang mit Technik ein emanzipatorisches Moment darstellen können. Ein weiterer Grund, warum wir unseren Fokus in dieser Weise verändert haben, war die Gefahr, dass mit der Forderung, Technikbildung und Technikberufe für Mädchen* und Frauen* attraktiver zu machen, die Geschlechterdifferenzierung perpetuiert werden könnte . 38 Mit der Gründung
37 Henry Jenkins: Confronting the challenges of participatory culture. Media education for the 21 st century. Cambridge, MA 2009, S. 20-24.
38 Vgl. Tanja Paulitz: Technikwissenschaften, in: Ruth Becker, Beate Kortendiek (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden 2008, S. 779- 790.
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