Aufsatz 
Gelebte Utopie: Mit Transdisziplinarität zu einer Technikbildung für alle? / Birgit Hofstätter, Anita Thaler
Entstehung
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Gelebte Utopie

Als Vehikel dienten, wie schon gesagt, bei den beteiligten Schülerinnen be­liebte Fernsehserien, deren Narrative durchtransformative Medienarbeit so verändert werden sollten, dass Situationen, in denen zuvor Ungerechtigkeit und Diskriminierung identifiziert wurden, herausgearbeitet und möglicherweise auch aufgelöst werden. Damit sollten (niederschwellig) politische Statements ähnlich der Medienarbeit von Jonathan McIntosh 42 entstehen, die die Jugendlichen ih­ren eigenen Lieblingsserien entgegenhalten. Eine schriftliche Befragung ergab, dassTwo and a half men 43 undThe Simpsons 44 von den beteiligten Schü­lerinnen am meisten gesehen wurden, wobei von einer gendersensiblen Sicht her kritisiert werden kann, dass diese Auswahl nicht unbedingt berücksichtigt, was Mädchen* gerne sehen. Tatsächlich hätten wir als viertmeistgenannte Serie iCarly 45 nehmen können, die zumindest eine weibliche Protagonistin* hat. Das mag ein Fehler gewesen sein, aber wir haben beobachtet, dass sich Mädchen* genauso intensiv an den Projektaktivitäten beteiligt haben wie Jungen*. Gleich­zeitig wäre eine Vielfalt in der Repräsentation weiblicher Rollen auch für die beteiligten Jungen* sicherlich ein Gewinn gewesen.

Wir arbeiteten bei diesem Projekt mit einem ganzen Jahrgang, drei Klassen der siebten Schulstufe, 54 Schülerinnen im Alter zwischen 12 und 16 Jahren, 15 davon mit ausgewiesenem integrations- bzw.sonderpädagogischen Förder­bedarf (SPF; das bedeutet, dass ein Kind infolge physischer oder psychischer Behinderung dem Unterricht ohne sonderpädagogische Förderung nicht zu fol­gen vermag). Etwa fünf Schülerinnen waren ohne Deutschkenntnisse gerade in die Klassen gekommen, wie auch die Mehrheit der Jugendlichen aus Familien mit relativ aktueller Migrationserfahrung stammte. Insgesamt waren 15 Nationa­litäten vertreten, viele der Schülerinnen wuchsen zweisprachig auf oder hatten erst in den letzten Jahren Deutsch dazu gelernt. Zudem erfuhren wir im Lauf des Projektes, zum Teil von den Lehrenden, zum Teil von Schülerinnen selbst, über deren herausfordernde familiäre Verhältnisse, sodass für uns besser begreifbar wurde, welche Themen die Jugendlichen abseits des Lernstoffs beschäftigten. Im Unterricht in diesem Kontext passiert in erster Linie Sozialarbeit und fordert die Auseinandersetzung mit jedem einzelnen Individuum. Selbst mit Unterstüt­zung einer zweiten Lehrkraft im Unterricht, wie im Fall dieser Schule, ist so eine

42 Siehe zum Beispiel: What Would Buffy Do? Notes on Dusting Edward Cullen, http://detective. agency/2009/what-would-buffy-do-notes-on-dusting-edward-cullen (22.3.2018)

43 Vgl. Chuck Lorre: Two and a half men (deutscher Titel: Mein cooler Onkel Charlie). USA 2003- 2015.

44 Vgl. Matt Groening: The Simpsons. USA 1989-heute.

45 Vgl. Dan Schneider: iCarly. USA 2007-2012.

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