Gelebte Utopie
perimentierphase, in der sie freie Hand hatten, um sich mit der Technik vertraut zu machen und schnell zu einem ersten eigenen Video zu kommen, versuchten wir dann durch Unterstützung die Jugendlichen stärker auf das Narrativ achten zu lassen. Das funktionierte zwar bis zu einem gewissen Grad, vermutlich aber noch nicht ganz eigenständig aus einer eigenen kritischen Haltung dem Material gegenüber. Die Problematik bestand aus unserer Sicht zum Teil darin, dass geschlechtliche und sexuelle Vielfalt unter Jugendlichen dieses Alters, und vor allem in heteronormativ geprägten Settings, immer noch Tabuthemen sind. Eine kritische Auseinandersetzung mit Heteronormativität, wie wir sie während des Projektes anregten, kann nur in einem geschützten bzw. anonymen Rahmen passieren, da sonst die Frage der eigenen geschlechtlichen oder sexuellen Identität in den Mittelpunkt geraten könnte. Dennoch besteht für uns die Hoffnung, und das haben auch die Lehrenden so eingeschätzt, dass viele der 54 teilnehmenden Jugendlichen den Impuls aus „transFAIRmation“ für ein reflek- tierteres Medienhandeln für später mitnehmen. 47
Von Interdisziplinarität zu Transdisziplinarität
Theoretische Überlegungen
Ein weiteres Prinzip unserer Arbeit ist der Ansatz der interdisziplinären Technikbildung, der dem Vehikel-Ansatz zugrunde liegt. Schon lange bevor wir 2008 mit Schulprojekten begannen, war eine der zentralen Forderungen der Technikbildungsforschung, die ökologischen, sozialen sowie innovativ-kreativen Seiten von Technik im Schul- und auch im Hochschulbereich verstärkt zu integrieren. Sowohl potenzielle Technik-Studierende als auch Unternehmen forderten damals vehement eine durch nicht-technische Fächer ergänzte, interdisziplinäre Technikbildung, in der über die naturwissenschaftlich-technische Qualifikation hinausgehende Schlüsselkompetenzen wie soziale Kompetenzen, Team- und Konfliktfähigkeit, aber auch Kreativität aufgrund ihrer Technik- und Innovationsrelevanz gefördert werden. 48 Interdisziplinäre Technikstudiengänge weisen nicht nur einen höheren Studentinnenanteil auf, sondern bergen auch das Potenzial Nicht-Technik-Studierende anzusprechen. 49
47 Ebd., S. 273f.
48 Vgl. Wächter, siehe Anmerkung 5 und darauf folgend Daniela Freitag: In favour of a women’s technical college: An insight into the companies’ perceptions of an innovative monoeducative engineering degree programme, in: IFZ - Electronic Working Papers 1 (2010).
49 Thaler, siehe Anmerkung 5, S. 118f.
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