The Whole Picture
So unterschiedlich die dargestellten Fälle auch sein mögen, so bekräftigen sie stets die Kernaussage, dass Museen voll mit politischen Botschaften sind, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussehen mag. Die Autorin zeigt durch die spezifischen Geschichten einzelner Objekte, Sammlerjnnen und Sammlungen die Ideologie des Kolonialismus und ihre Auswirkungen bis heute auf. Dabei lässt sie verschiedenste Dimensionen der kolonialen Vergangenheit und Gegenwart - von Raub, Verschleppung und Sklaverei über aktuelle Ausfuhrverbote hinzu vermeintlich harmlosen Souvenirs in Museumsshops - zusammenfließen. Dies führt jedoch keineswegs zu Überforderung, sondern zu überblickshaft dargestellten Beispielen, anhand derer die Problematik von Objekten aus kolonialen Kontexten verständlich und greifbar wird. Zu jeder beschriebenen Geschichte ist eine Abbildung zu finden, was natürlich vor allem dann für die Lesenden spannend ist, wenn Procter auf die Inhalte der beschriebenen Kulturgüter eingeht, beispielsweise bei den ersten von Briten angefertigten Zeichnungen von Kängurus aus den 1770ern, die heute befremdlich erscheinen. Durchaus überraschend sind die Bezüge zu Österreich, die in den Erzählungen auftauchen: So handelt eine Geschichte vom Reliquiar mit heiligem Dorn, welches Teil der Kaiserlichen Schatzkammer in Wien war, jedoch unbemerkt kopiert und ausgetauscht wurde. Die Täuschung wurde erst bemerkt, als das Original im British Museum auftauchte, wo es sich bis heute befindet.
Mit ihrem ersten Buch legt Procter ein Werk über koloniale Unrechtskontexte in Museen vor, das sich nicht auf die Beschreibung des Geschehenen beschränkt, sondern vielmehr als eine mit historischen Fakten untermauerte Aufforderung zum Handeln begriffen werden kann. Durch ihre Herangehensweise bietet die Autorin sowohl einen Überblick über zahlreiche Problemstellungen hinsichtlich der Dekolonisierung von Museen als auch spannende Details für bereits sensibilisierte Personen. Selbst wenn viele der beschriebenen Geschichten grauenerregend sind, schafft es Procter durch ihre lockere Schreibweise, den sarkastischen Unterton und die durchaus kräftigen Seitenhiebe in Richtung der mächtigen Kulturinstitutionen, jenen Lesenden, die ihre Ansichten teilen, ein kämpferisches Lächeln ins Gesicht zu zaubern und Hoffnung für eine gerechtere Zukunft zu geben. Personen mit abweichenden Einstellungen wird sie durch ihre Ausführungen aberwohl kaum überzeugen können.
Andrea Berger Wien
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