Heft 
2019: Band 81 (2019): Gender & Technik
Entstehung
Seite
168
Einzelbild herunterladen

Geschichte der Chemie

Eine durchgehende Lektüre dürfte aber doch eher die Ausnahme darstellen. Um das Verständnis seines Textes im Zusammenhang zu gewährleisten, hat der Autor zu einer ungewöhnlichen Maßnahme gegriffen: Bei rund 40 Pro­zent seiner Belege verweist er auf andere Kapitel und Abschnitte des Werks. Ein Register ermöglicht die Suche nach Personen, ist aber recht lückenhaft ausgefallen. In die Fußnoten hat der Verfasser mehrere 100 Publikationen in verschiedenen Sprachen eingearbeitet, eine abschließende Literaturliste fehlt.

In der Einleitung hält der Autor den Verfassern früherer Chemiegeschichten vor, sie hätten lediglich ausgewählte Zeitabschnitte berücksichtigt. Außerdem kon­statiert er:Neuere Forschungsergebnisse werden ignoriert, obwohl manche von ihnen schon Jahrzehnte zurückliegen. (Band 1, S. V). Beim Studium von Weyers eingearbeiteten Quellen stößt man jedoch auf die überraschende Tat­sache, dass er hier die Latte, die er für andere hoch legt, selbst bei weitem nicht überspringt: Er zitiert nur ausnahmsweise Literatur, die nach 1990 erschienen ist. Aus den vergangenen zwei Jahrzenten stammen lediglich rund 20 Veröf­fentlichungen. Unter anderem sind viele biografische Angaben gänzlich veraltet. Aber auch z. B. bei Publikationen über die Rolle der Chemie im Ersten Weltkrieg und in der NS-Zeit ist Weyer nicht auf dem Stand der Forschung. Stiefmütter­lich wird ferner der Beitrag Österreichs bzw. der Habsburgermonarchie zur Ent­wicklung der Chemie behandelt. Zwar spielte diese als (Vor-)Wissenschaft und Industrie eine geringere Rolle als etwa in Deutschland. Doch sind 2004 und 2007 immerhin zwei umfangreiche Darstellungen von Robert Rosner und von Rudolf Werner Soukup erschienen, die den Zeitraum bis zum Ersten Weltkrieg behandeln. Sie sind nicht berücksichtigt.

Im Vergleich etwa mit der Physik ist die Chemie eine sehr anwendungsorientier­te Disziplin. Weyer hat sich dafür entschieden, diesem Aspekt wenig Gewicht beizumessen. Ein Kapitel ist der chemischen Industrie gewidmet; hier werden aber lediglich die ohnehin bekannten Geschichten erzählt. Die elektrochemi­sche Industrie wird (in Relation zu den ausführlich ausgebreiteten theoretischen Grundlagen) kaum gewürdigt, die Auswirkungen chemischer Prozesse auf die Umwelt werden nur kurz erwähnt. Wer sich für die Anwendung chemischer Erkenntnisse in der Produktion interessiert, wird weiterhin beispielsweise zur Chemiegeschichte Wilhelm Strubes (2 Bände, erstmals 1976-1981) greifen. Diese wird bemerkenswerterweise nicht zitiert.

Auch angesichts dieser Kritikpunkte stellt das vorliegende Werk eine sehr be­achtliche individuelle Leistung dar. Wer sich ernstlich für die Geschichte der

168