Die Hlawatsch-Saga
ber und baute einen Betrieb auf. Nach der Revolution von 1848/49 lernte Hla- watsch den Textilhändler Rudolf Isbary kennen, der sein Schwiegersohn wurde, und ging daran, seinen Absatz international auszurichten. Zu diesem Zweck begann er mit der Erzeugung modischer Kaschmirschals für Damen aus der Oberschicht. Viele dieser Produkte wurden im Waldviertel in Heimarbeit angefertigt. Aufgrund großer Verkaufserfolge konnte 1860 eine Warenniederlage in New York eingerichtet werden. In den Jahren 1862, 1867 und 1873 beteiligten sich Hlawatsch & Isbary an Weltausstellungen in London, Paris und Wien. Der wirtschaftliche Aufstieg schlug sich auch in politischem Kapital nieder: Rudolf Isbary brachte es zum Abgeordneten im Niederösterreichischen Landtag und im Reichsrat. In der zweiten Generation stieg auch Karls Sohn Rudolf Hlawatsch in das Geschäft ein.
Von 1850 bis Mitte der 1870er-Jahre erzeugte das Unternehmen rund 800.000 Schals aus Schafwolle, Baumwolle und Seide. Danach verringerte sich der Umsatz stark: Der Geschmack der Konsumentinnen veränderte sich, und andere Firmen stellten eine zunehmende Konkurrenz dar. 1877 trat Rudolf Hlawatsch aus der Firma aus. Anschließend investierte er in Zinshäuser, die mit der starken Bevölkerungszunahme Wiens ein gutes Geschäft wurden. Rudolf ließ zu diesem Zweck u. a. zwei große Gebäude in der Mariahilfer Straße bauen, welche die Hausnummern 93 und 95 erhielten. Rudolfs Sohn Carl studierte Naturwissenschaften und wurde ein angesehener Mineraloge. Durch den ersten Weltkrieg verlor er einen großen Teil seines Vermögens. Als Carl seine Stieftochter und Erbin mit einem „Kinderzug“ in die Niederlande schickte, entstand eine Beziehung mit der holländischen Familie Enschede. Später gelangte das Haus Mariahilfer Straße Nr. 95 in deren Besitz; dort befindet sich heute das Firmenarchiv, das die Quellen für Ditzhuyzens Darstellung enthält.
Die Autorin erzählt diese internationale Geschichte recht lebhaft. Die interessanten Quellen lässt sie recht ausführlich zu Wort kommen - direkte Zitate machen rund ein Drittel des Textes aus. Darunter finden sich Briefe mit Schilderungen aus der Revolutionszeit; auch ein Tagebuch, das Rudolf Hlawatsch über mehrere Jahrzehnte führte, wird ausgiebig wiedergegeben. Der Text ist mit gut 1 60 Abbildungen reich illustriert, darunter auch das Foto eines Schals, den die Autorin nach langer Recherche noch auffinden konnte.
Bisweilen stutzt man über kleinere Versehen; so wird ein Graf Larisch, für den Karl Hlawatschs Vater in Schlesien tätig war, als „Wollweber“ bezeichnet (S. 20) - eine unglückliche berufliche Zuordnung für den Angehörigen einer der reichsten Familien dieser Region. Auch die Quellenkritik lässt gelegentlich zu
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