Zur Entwicklungsgeschichte der Beleuchtungstechnik.
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bei der Entladungsrohre dieser Nachteil noch weiter gemildert ist. Der zukünftigen Technik mag es wohl Vorbehalten sein, das System des kalten Lichts, das Nur-Licht- system, zu schaffen . 1
Untersucht man — um dann die AuERSchen Erfindungen zu beurteilen — vorerst noch, in welcher Art und Weise allgemein gültige technische Entwicklungsgesetze (soweit sie überhaupt bekannt sind!) sich im Werden der Beleuchtungstechnik ausgewirkt haben, so kann hierfür eine Betrachtungsweise fruchtbar werden, die zuerst Ludwig Erhard angegeben hat . 2 Erhard sieht die Technik auf allen ihren Gebieten im Organischen beginnen und dem Anorganischen zustreben, wobei stets sehr charakteristische organisch-anorganische Zwischenstufen durchlaufen werden. Diese Entwicklungsregel gilt sowohl für die tektonische als auch für die energetische Seite der Technik. Sie kann auch beim Beleuchtungswesen gut verfolgt werden. Die Leuchten, die dem System der selbstleuchtenden Flamme zugehören, sind völlig organischer Natur. Auch das Leuchtgas ist es seiner Herkunft nach, während man das Acetylen in dieser Hinsicht allenfalls als an der Schwelle des Anorganischen stehend betrachten mag . 3 Einen deutlichen Übergang zum anorganischen Gebiet bildet das Inkandeszenzlicht. Wird es als Gaslicht noch von organischem Brennstoff gespeist, so ist der organische Leuchtkörper der Flamme, der Kohlenstoff, der vorhin der „natürliche“ genannt wurde, nun durch den künstlichen und anorganischen ersetzt. Der endgültige Schritt zum Anorganischen aber wird mit dem elektrischen Licht getan, bei dem auch die Betriebsenergie eine typisch „anorganische“ ist. AbeF auch hier zeigt sich, daß man bei den ersten erfolgreichen Konstruktionen, Bogenlicht und Kohlenfadenlampe, noch zu Leuchtkörpern organischer Abkunft griff, auf die dann erst der Metallfaden folgte. Die modernen Glühlampen aber und die mit verdünnten Gasen gefüllten Entladungsrohren sind in ihrem anorganischen Charakter wohl kaum mehr zu überbieten.
Stellt man sich die Frage, was Auers Erfindungen für diese Entwicklung bedeuten, so ergeben sich etwa folgende Erwägungen. Mit der Einschränkung, daß die einzelnen, durch bestimmte Beleuchtungssysteme charakterisierten Entwicklungsphasen einander, wie schon erwähnt wurde, zeitlich stark überlagern, kann man sagen, daß beim Auftreten des Auerlichts die Beleuchtungstechnik noch im Zeichen der selbstleuchtenden Flammen stand. Die freibrennende Gasflamme und für häusliche Zwecke die Petroleumlampe und Kerze waren die herrschenden Beleuchtungsmittel. Die elektrische Beleuchtung konnte sich, abgesehen von den hohen Kosten, schon deshalb nicht so schnell ausbreiten, weil Elektrizitätswerke erst gebaut
1 Wie weit wir von diesem Ziel noch entfernt sind, zeigt die Tatsache, daß hei der modernen Glühlampe nur 3 bis höchstens 10% der zugeführten Energie in Licht verwandelt werden. Die entsprechenden Werte für andere Beleuchtungsarten können jedoch durch Umrechnung aus der Kerzenstärke nicht in einfacher Weise gefunden werden, da das Licht der einzelnen Beleuchtungsgeräte große spektrale Unterschiede aufweist und der Energiegehalt des Lichtes sich längs des Spektrums stark ändert.
2 L. Erhard, Der Weg des Geistes in der Technik. Deutsches Museum, Abhandlungen und Berichte, 1929, VDI-Verlag, Berlin, ferner L. Erhard, Zur Entwicklungsgeschichte der Technik, „Blätter für Geschichte der Technik“, 1. Heft (1932), S. 3 bis 25.
3 Acetylengas wird bekanntlich aus Calciumcarbid, dieses aus Kalk und Koks im elektrischen Ofen hergestellt.