Heft 
1934: Zweites Heft : Auer von Welsbach / von Franz Sedlacek
Entstehung
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Zehnter Abschnitt.

die über Auers Arbeiten hinausging. Eine gerechte Beurteilung, wenn schon nicht in juristischem, so doch in entwicklungsgeschichtlichem und technischem Sinne muß daher Auer von Welsbach nicht nur das Verdienst an der von ihm selber gebauten Osmiumlampe zuerkennen, sondern darüber hinaus auch den Haupt­anteil an der Erfindung der Wolframlampe, für deren Leuchtfaden er ja die erste Formgebungsmethode geliefert hat.

In der Entwicklungsgeschichte der Glühlampe heben sich aus der Menge der Erfinder, alle anderen überragend, zwei Persönlichkeiten ab: der Amerikaner Thomas Alva Edison und der Österreicher Carl Auer von Welsbach.

X.

Die Stellung des Auerlichtes und der Osmiumlampe in der Entwicklungsgeschichte der Beleuchtungstechnik.

Genetische Systematik der Beleuchtungsmittel. Anwendung technischer Entwicklungs­gesetze. Die entwicklungsgeschichtliche Bedeutung der beiden AuERschen Erfindungen.

Die in den vorhergehenden Abschnitten behandelten beiden Erfindungen Auers von Welsbach gehören dem gleichen technischen Gebiet an, dem Beleuchtungs­wesen. Es wird daher zweckmäßig sein, sie in ihrer entwicklungsgesohichtlichen Be­deutung gemeinsam zu betrachten.

Untersucht man die Entwicklung der Beleuchtungstechnik mit der Absicht, auch zu einer Systematik dieses Gebiets zu gelangen, so stellt sich als das ursprüng­lichste Beleuchtungssystem die natürliche Leuchtflamme dar. Der Kienspan, die Fackel uiuj die Kerze, die Öl- und Petroleumlampe, der Acetylen- und der offene Leuchtgasbrenner haben die selbstleuchtende Flamme gemeinsam. Von dieser Flamme wurde schon gesagt, daß ihr Leuchten durch ausgeschiedene und auf Weißglut erhitzte Kohlenstoffteilchen hervorgerufen wird. In diesen Rußteilchen kann man also den natürlichen Leuchtkörper sehen, der in der wärmegebenden Heizflamme enthalten ist. Eine Verbesserung der Lichtwirkung selbstleuchtender Flammen ließ sich demnach erreichen, indem man durch geeignete Beimengungen die Abscheidung der Kohlenstoffteilchen begünstigte (Karburierung des Gases) oder indem man durch Erhöhung der Flammentemperatur infolge besserer Luftzufuhr die Weißglut dieser Teilchen steigerte (Argandbrenner).

Zu einem völlig neuen Beleuchtungssystem gelangte man, als man den in der Flamme enthaltenen, natürlichen Leuchtkörper durch einen künstlichen ersetzte. Dieses System, die Inkandeszenzbeleuehtung, bot den Vorteil, daß man, von dem Zwang des einzigen natürlichen Leuchtkörpers, des Kohlenstoffs frei, nun unter verschiedenen Leuchtmassen die Wahl hatte. Man griff denn auch, wie bekannt, sowohl zu dem Metall Platin, als auch zu feuerfesten Oxyden, wie Kalk, Magnesia, Zirkonoxyd und schließlich den seltenen Erden. Die Ausschaltung des natürlichen Leuchtkörpers ließ die Flamme zur nichtleuchtenden, reinen Heizflamme werden. Man verwendete daher entweder Flammen, die von Natur aus diese Eigenschaft hatten (Wasserstoff, Wassergas, Spiritus), oder man entleuchtete sie im Gebläse oder im Bunsenbrenner.