60
Elfter Abschnitt.
werden mußten, Gasanstalten aber vorhanden waren. Daß die lichtstarke Acetylenflamme keine allgemeine Verbreitung gefunden hat, ist übrigens zweifellos der Hauptsache nach dem AuERschen Gasglühlicht zuzuschreiben. 1
Die Inkandeszenzbeleuchtung war, wie schon früher ausgeführt wurde, sowohl als Erfindungsgedanke, wie als konstruktive Tatsache vor Auer längst vorhanden. Aber keine der bisherigen Konstruktionen hatte nennenswerte Bedeutung erlangt. Auer hat die einzige überhaupt jemals bedeutungsvolle Inkandeszenzbeleuchtung geschaffen. Er setzte seinen Glühstrumpf nicht an die Stelle früherer, unvollkommener Konstruktionen, sondern an den Platz der offenen Gasflamme. Sein Leuchtkörper verdrängte nicht die aus Platin, Kalk, Magnesia oder Zirkonoxyd, sondern den Kohlenstoff der selbstleuchtenden Flamme, denn einzig diese hatte vor ihm geherrscht.
Im Falle der elektrischen Beleuchtung liegen die Verhältnisse ähnlich und doch wieder anders. Auch hier gab es längst den Erfindungsgedanken der Glühlampe, außerdem aber bereits eine erfolgreiche Konstruktion, die Kohlenfadenlampe Edisons. Aber man darf nicht vergessen, daß diese Glühlampe im Grund genommen eine Erstkonstruktion blieb und daß die Entwicklung auf einem anderen Wege weiterschritt, von Auer geführt. Ähnlich wie beim Gasglühlicht wies Auer auch hier der bereits vorhandenen Konstruktion das richtige Material. Man hat daher in seinen beiden Erfindungen nicht sosehr Neukonstruktionen zu sehen als Lösungen überaus schwieriger Materialfragen, Angelegenheiten des Stoffs, eben Erfindungen eines Chemikers.
Mit Bezug auf die oben dargelegten allgemeinen Gedanken über die Entwicklung der Beleuchtungstechnik läßt sich Auers Wirken auf diesem Gebiet etwa so umschreiben :
Die bisherige Beleuchtungstechnik verwendete zwei Energieformen zur Speisung ihrer Leuchten, die Verbrennungsenergie und die elektrische. Auer von Welsbach war es, der in beiden Fällen den Übergang vom organischen zum anorganischen Leuchtkörper technisch und industriell vollzog.
XI.
Das Cereisen.
Funkeiigebende Metalle. Geschichte (1er Cergewinnung. Die Erfindung des Auei- inetalls. Seine fabrikmäßige Erzeugung. Die Treibaclier Chemischen Werke.
Bei der dritten großen Erfindung Auers von Welsbach, dem funkengebenden „Auerinetall“, kann man kaum von Vorläufern sprechen. Außer dem alten Schlagfeuerzeug aus Stahl und Stein, das bekanntlich jahrhundertelang das einzige Gerät zum Feuermachen war, könnte man die REAUMURsche Legierung nennen, die aus 70 Teilen Antimon und 30 Teilen Eisen besteht und beim Feilen eine rötliche Funkengarbe gibt, mit der sich Zunder zum Glimmen bringen läßt. Die noch
1 D’Ans zitiert in seiner Arbeit über Auer v. Welsbach die Worte eines Führers der französischen Carbidindustrie: „Auer c’est l’homme qui a tuö l’acetylene“. Berichte d. Deutsch. Chem. Ges., Jahrg. 64 (1931), Abt. A, S. 77.