Das Inkandeszenzprinzip vor Auer.
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Flammengase selber das Leuchten verursachen, sondern ein fester Körper, der sich fein verteilt in der Flamme befindet und durch sie auf Weißglut erhitzt wird. Grundsätzlich spielen also die festen Kohlenstoffteilchen in der leuchtenden Flamme, sei sie nun eine Gas-, Petroleum-, Öl-, Acetylen-, Kerzen- oder Kienspanflamme, die Rolle eines „Glühkörpers“. Die Bestrebungen, die Leuchtkraft der Gasflamme zu verstärken, bewegten sich zunächst in drei Richtungen. Einerseits versuchte man, durch zweckmäßigen Bau der Brenner die Gestalt der Flamme günstig zu beeinflussen. So erfand der Engländer Stone im Jahre 1805 den Schnittbrenner, durch den die Flamme flach ausgebreitet wird. Anderseits übertrug man das Prinzip der AßGANDSchen Öllampe, 1 das darin besteht, der Flamme durch ein zentrales Rohr auch von innen Verbrennungsluft zuzuführen und sie durch diese intensivere Beheizung der Kohlenstoffteilchen leuchtender zu machen, auch auf die Gasbeleuchtung. Drittens endlich suchte man auch die chemische Zusammensetzung des Gases im Sinne einer Vermehrung des das Leuchten bedingenden Anteiles zu korrigieren. Diese von Faraday gelehrte und „Karburieren“ genannte Gasverbesserung wurde durch Zumischen von Benzol- oder Naphtalindämpfen erreicht, die beim Verbrennen Ruß abscheiden und daher leuchtende Flammen geben. Durch das Karburieren wurde es nicht nur möglich, äthylenarme Leuchtgase zu verbessern, sondern auch, Gemische, die wie das Wassergas, überhaupt keine Leuchtkraft haben, erst zu Beleuchtungszwecken heranzuziehen. Ja, das sog. „Luftgas“ besteht lediglich aus Luft, die mit den Dämpfen solcher Kohlenwasserstoffe geschwängert ist.
Aber schon frühzeitig bahnte sich die Anwendung eines Beleuchtungssystems au, das darin besteht, daß man unter Verzicht auf das Eigenleuchten einer Flamme diese nur dazu benützt, einen festen Körper arizuheizen, der dann, auf Weißglut gebracht, die Lichtquelle bildet. Dies ist das Prinzip des Inkandeszenz- oder Glühlichtes.
Es wurde schon gesagt, daß die weißglühenden Rußteilchen es sind, die, als ein natürlicher Glühkörper, das Leuchten der Gasflamme hervorrufen. Werden sie ausgeschaltet, d. h. wird durch reichliche Luftzufuhr aller Kohlenstoff verbrannt und damit eine Rußabscheidung vermieden, wie dies im Gebläse und im Bunsenbrenner geschieht, dann besteht die Fdamme nur aus glühenden Gasen, deren Licht- aussendung so gering ist, daß sie technisch nicht als ein Leuchten bezeichnet werden kann. Zudem umfaßt das Licht der „entleuchteten“ Gasflamme nur bestimmte Farben, was physikalisch darin zum Ausdruck kommt, daß sein Spektrum nur aus einzelnen Linien und Liniengruppen besteht. Im Gegensatz dazu senden feste Körper zumeist ein kontinuierliches Spektrum aus, das sich bei Weißglut mehr und •nehr dem des natürlichen Tageslichts nähert. Da aber eine künstliche Beleuchtung das Tageslicht möglichst gut ersetzen soll, weisen schon diese physikalischen Gründe auf die Anwendung weißglühender fester Körper als Lichtquellen hin. Die beiden wichtigsten Systeme der neueren Beleuchtungstechnik, das Gasglühlicht und die elektrische Glühlampe beruhen denn auch auf dieser Grundlage und der wesentliche Unterschied zwischen beiden liegt nur in der verschiedenen Beheizungsart des
1 Der Schweizer Techniker Aime Argand erfand 1783 in London den Öllampenbrenner mit doppeltem Luftzug.