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Fünfter Abschnitt.
Glühkörpers. Die Verschiedenheit des Materials dieser Glühkörper — beim Gasglühlicht feuerfeste Oxyde, bei der heutigen elektrischen Lampe Metallfäden — ist nicht von grundsätzlicher Bedeutung. Ja, die geschichtliche Entwicklung zeigt, daß diese Werkstoffe gelegentlich auch umgekehrt verwendet wurden: das Metall Platin beim alten Wassergas-Glühlicht Gillards , 1 Magnesiastifte in der Nernstlampe. 2 Doch wird in den Begriff Inkandeszenzlicht das elektrische Licht zumeist nicht ein bezogen. Er umfaßt also nur jene Glühlichtsysteme, bei denen ein fester Leuchtkörper mit der Verbrennungsenergie einer Flamme beheizt wird.
Im Sinne dieser Definition wäre die im Jahre 1817 erfundene DAVYsche Glühlampe eigentlich nicht unter die Inkandeszenzleuchten zu rechnen, da bei ihr die Beheizung des Glühkörpers wohl durch einen Oxydationsvorgang, doch nicht durch eine Flamme erfolgt. Diese sogenannte „Lampe ohne Flamme“ beruht darauf, daß ein erhitzter Platindraht in Gemengen von Luft oder Sauerstoff mit brennbaren Gasen, wie Wasserstoff oder auch Alkoholdampf, zu erglühen beginnt, wobei das Gasgemisch an dem Platin als dem Reaktionsvermittler flammenlos verbrennt.
Der englische Physiker David Brewster scheint der erste gewesen zu sein, dem das Wesen des Inkandeszenzprinzips ziemlich klar bewußt wurde. Er gelangte zu dieser Erkenntnis durch eine Reihe von Versuchen, die er um 1820 anstellte. Brewster tauchte Holzstäbchen in Lösungen von Kalk- und Magnesiasalzen, veraschte die Hölzer und beobachtete, daß sie, in den heißen Saum einer Kerzenflamme gehalten, ein auffallend kräftiges, weißes Licht ausstrahlten. Er vermutete sogleich, daß diese Erscheinung irgendwie praktisch verwertbar sein müsse, um so mehr, als sie schon mit einer gewöhnlichen Kerzenflamme hervorzurufen sei: „Um mich über diesen Punkt zu unterrichten,“ so schreibt er in seiner Abhandlung, „bereitete ich drei oder vier Stücke Holz, deren Enden in weiße Massen von absorbiertem Kalk ausgingen, und brachte sie nahe an die äußere Fläche einer Kerzenflamme. In dieser Lage gaben sie das beschriebene glänzende Licht, und zwar ohne merkliche Verminderung, durch mehr als zwei Stunden. Ich bereitete ferner eine sehr dünne Scheibe von Kreide und hielt sie auf gleiche Art an die Flamme, fand aber, daß sie nicht das nämliche glänzende Licht gab als der absorbierte Kalk. Als jedoch die Kreide der Wirkung des Lötrohres ausgesetzt wurde, erhielt ich das intensive Licht wieder. Da dieses Licht durch Hitzegrade entwickelt zu werden scheint, welche im umgekehrten Verhältnis mit der Feinheit der Kalkteilchen stehen, und da höchstwahrscheinlich ist, daß dichtere, mit sehr feinen Poren begabte Holzarten nach dem Verbrennen einen Rückstand hinterlassen, in welchem der Kalk noch weit feiner verteilt ist, als ich ihn anwendete, so dürfte es angehen, jenes Licht schon bei einer Temperatur hervorzubringen, welche geringer ist als die Hitze am Rande einer gemeinen Flamme.“ 3 Das Imprägnieren und Verbrennen des Holzes zur Erlangung eines als Leuchtkörper dienenden Aschenskeletts steht in deutlicher Analogie zum AuERschen Glühstrumpf.
Ähnliche Versuche stellte Talbot an, der Papierstreifen mit Calciumchlorid-
1 Siehe S. 23.
2 Siehe S. 47.
8 Edinburgh Philosophical Journal, 3. Bd., 1820, S. 343, zit. nach C. Richard Böhm, Das Gasglühlicht, seine Geschichte und Anwendung, S. 35.