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Siebenter Abschnitt.
betraut worden, für Dämmers Handbuch der anorganischen Chemie die Kapitel über seltene Erden, Chrom, Molybdän und Wolfram zu verfassen. Bei den Studien hierzu lernte er die Arbeiten des Franzosen Lecoq de Boisbaudran kennen, der das Leuchten geringer Mengen von Erden in der CROOKESschen Röhre und u. a. auch die Lichterscheinungen beschrieb, die chromhaltige Tonerde hierbei zeigt. Da hatte Haitinger den Gedanken, es könnten die Erdmischungen, die in der Entladungsrohre leuchten, in der Flamme ein ähnliches Verhalten zeigen. Anläßlich eines Besuches bei einem befreundeten Chemiker nahm er eine Eprouvette, goß eine Tonerdelösung mit etwas Chromsalzlösung zusammen und tränkte darin einen Kaden. Damit ging er zum Gebläse und staunte über das intensive Licht, das der veraschte Faden ausstrahlte. * 1 Auf Grund dieser Beobachtung schuf Haitinger nun einen Chrom-Tonerde-Glühkörper, mit dem er eine Lichtstärke von etwa 60 Kerzen erreichte. Dieser auch patentierte Leuchtkörper erlangte allerdings keine technische Bedeutung, da er infolge der Flüchtigkeit der Oxyde eine zu begrenzte Lebensdauer hatte, eine Brenndauer von nur 200 Stunden.
Um die Jahreswende 1890/91 teilte Haitinger seine Beobachtungen Auer mit. Man stellte einige dieser überraschend lichtstarken Glühkörper her und photo- metrierte sie. Dieser Anregung ist es wohl hauptsächlich zu danken, daß Auer nun mit Eifer an die weitere Verbesserung seines Glühlichts ging. Aber er arbeitete nicht auf der Grundlage der HAiTiNGERschen Beobachtungen, sondern griff auf die Erfahrungen, die er selber schon früher mit dem Thoroxyd gemacht hatte, zurück. Es traf sich gut, daß in Atzgersdorf ein Vorrat an Thorsalz lag, den Haitinger einmal aus einer größeren Menge Rohstoff abgeschieden und verwahrt hatte. „Das Licht solcher Thoroxyd-Mischungen“, so erzählt Auer über seine damaligen Versuche, 2 „war intensiv, aber es hielt nicht an. Nach 50 oder 60 Stunden fiel es ab, und dann w'ar es nicht stärker als das der gewöhnlichen, ohne Thoroxyd hergestellten Glühkörper. Dieses Abfallen des Lichtes war überaus merkwürdig und es schien mir, wie wenn das Thoroxyd bisher wissenschaftlich nicht genügend erforscht worden wäre, das heißt, wie wenn das Thoroxyd Substanzen in sich schließen müßte, die die Chemiker damals nicht kannten... Damals fand ich jene Krystalli- sationsmethoden, die es ermöglichten, Thoriumsalze in sehr schneller Weise und im Großen völlig rein darzustellen. Da trat eine merkwürdige Erscheinung auf. Je reiner diese Thorpräparate wurden, desto weniger Licht gab der aus ihnen erzeugte Glühkörper. Ich setzte diese Versuche fort und kam schließlich zu einem Glühkörper, der als Mantel ... nur ein paar Kerzen gab. Ich überzeugte mich durch exakte chemische Untersuchung, daß dieses Thoroxyd reiner war als alle anderen bisher dargestellten reinen Thorpräparate und schloß daraus, vielleicht etwas voreilig, daß das Thorium kein Element wäre, daß es sich zerlegen ließe. Die Untersuchungen der Mutterlauge zeigten, daß der eigentliche lichtgebende Körper in der Mutterlauge sich anhäufe. Also die Zerlegung schien wahrscheinlich. Durch weitere Experimente gelang es mir, die Existenz des lichtgebenden Körpers nach- zuweisen. Diese Substanz ... war (1er. Nun war die Synthese der Mutterlauge
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1 Mündliche Mitteilungen des Herrn Direktors Ludwig Haitinger.
2 Journ. f. Gasbel. u. W., 1901, 44. Jalirg., S. 663.