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Siebenter Abschnitt.
Mit diesen Vorteilen des verbesserten Gasglühlichts, hauptsächlich den wirtschaftlichen, ist es zu erklären, daß es bei seiner Ausbreitung das elektrische Licht damals nicht allein überflügelte, sondern in vielen Fällen regelrecht verdrängte. In Wien und in den Städten Deutschlands gingen Gaststätten, Kaffeehäuser und Geschäfte, die schon elektrische Beleuchtung hatten, wieder auf das Gaslicht über und erzielten bedeutende Ersparnisse.
Das neue Glühlicht verbreitete sich schnell. Anfangs November 1891 brannten im Opern-Cafe zu Wien die ersten Thor-Cer-Mäntel, ein Jahr später hatte das neue Auerlicht die Stadt erobert. In den ersten dreiviertel Jahren der Erzeugung wurden 90000 Brenner geliefert. 1893 stieg der Absatz weiter. Im April dieses Jahres betrug er noch 1240 Brenner, im November schon 42290, also mehr als das 34fache. In Deutschland sind in den 15 Monaten zwischen September 1892 und Ende 1893 etwa eine halbe Million Brenner zur Anwendung gekommen, davon 100000 in Berlin. Anfangs 1894 waren in Paris mindestens 150000 Auerbrenner in privatem Gebrauch. In den Krankenhäusern Wiens wurden durch das Auerlicht die ersten nächtlichen Operationen ermöglicht.
Dieser glänzende Aufstieg war von ebenso beispiellosen geschäftlichen Erfolgen begleitet. Die österreichische Gasglühlicht-Aktien-Gesellschaft übernahm die Wiener Fabrikation, sowie Auers Patente und Verträge mit den ausländischen Gesellschaften. An diese lieferte sie zu vertraglich festgesetztem Preis die Imprägnierflüssigkeit, deren Herstellung ihr Fabrikationsgeheimnis blieb, wobei sie viel verdiente. Die größten Erfolge erzielte die deutsche Gesellschaft in Berlin und dies trotz der scharfen Konkurrenz in Deutschland, die der ungünstige Ausgang der Patentprozesse zur Folge hatte. Es mag genügen, wenn gesagt wird, daß die Gesellschaft nach dem Jahresabschluß 1893/94 eine Dividende von 130% auszahlte. Auch die ausländischen Gesellschaften, die englische, französische, belgische und holländische, sowie die irische und schweizerische Gasglühlicht-Gesellschaft erzielten riesige Gewinne.
Von dem Umfang, den die Glühkörperindustrie annahm, geben einige schätzungsmäßige Zahlen, die Haitinger und Fattinger mitteilten, einen Begriff: „Versucht man die wirtschaftliche Bedeutung des Gasglühlichts während der 43- bzw. 38jährigen Dauer seines Bestehens zu ermessen, so kommt man zu gigantischen Zahlen, denn angenähert so viel Gas, als bei Benützung desselben verbraucht wurde, hat man gegenüber den alten Brennern erspart und gleichzeitig dabei dreimal soviel Licht erhalten.
Die österreichische und deutsche Auer-Gesellschaft erzeugten seit Bestand rund 1500 Tonnen Thornitrat, die mindestens 1500 Millionen Glühkörpern entsprechen. Hierzu kommt noch die Produktion der amerikanischen Auer-Gesellschaft und der vielen fremden Fabriken, die zusammen wohl noch mehr als das Doppelte erzeugten, so daß man den Weltverbrauch auf rund 5 Milliarden Glühkörper einschätzen kann, an denen mindestens 200 Milliarden Kubikmeter Gas verbrannt wurden.“ 1
1 Haitinuek-Fattinoer: l)r. Fake Freiherr Acer von Weesracii |. Öst. CIiche Ztg. 1929, Xr. 17, 144.