Zwölfter Abschnitt.
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In einer Arbeit vom Juni 1906, die Auer zu einer seinem Lehrer Adolf Lieben gewidmeten Festschrift 1 beitrug und die die Anwendung der Funkenspektren zur Untersuchung von Elementen auf ihre Einheitlichkeit behandelt, beschreibt er, wie er durch langwieriges Fraktionieren Ytterbiumpräparate erhielt, deren Spektren bei fortschreitender Trennung immer verschiedener wurden, bis er die neuen Elemente vor sich hatte. Auch photographierte er damals bereits diese Spektren. Die schon eingangs zitierte Arbeit über die Elemente der Yttergruppe schließt Auer mit der Bemerkung, er habe es unterlassen, dieser Abhandlung Zeichnungen der verschiedenen Spektren beizugeben, da er hierauf noch später zurückkommen werde. Er hat es auch unterlassen, für seine neuen Elemente schon damals Namen öffentlich vorzuschlagen, ebenso wie auch offizielle Angaben über ihre Atomgewichte zu machen, obwohl er die erste Atomgewichtsbestimmung bereits im Oktober 1905 ausgeführt hatte. 2 Auer, der seine Priorität längst gesichert glaubte, hatte alle genaueren Angaben einer eingehenden Abhandlung Vorbehalten, die er auch tatsächlich am 19. Dezember 1907 der Akademie der Wissenschaften einreichte, und niemals hätte irgendein Zweifel an seinem Vorrechte auf die Ytterbiumzerlegung laut werden können, wäre nicht 44 Tage vor dieser ausführlichen Abhandlung die Arbeit Urbains ,,Un nouvel element: le lutecium, resultant du dödoublement de rytterbium de Marignac “ 3 erschienen. Urbain nannte sein neues Element „Lutetium“, 4 den Restbestandteil des Ytterbiums „Neo-Ytterbium“. Obw r ohl Auer in seinen bisherigen Berichten die Mitteilung genauerer Angaben angekünäigt hatte, hält ihm Urbain gerade das Fehlen dieser Angaben und der Ausmessung der Spektrallinien vor. 5 Freilich kann man auch nicht von präzisen Angaben sprechen, wenn Urbain von den Atomgewichten seiner Elemente sagt: „Le poids atomique du neo-ytterbium ne doit pas etre tres eloigne de 170 et le poids atomique du lutecium ne doit pas etre de beaueoup superieur ä 174.“ 6 Urbain hat als charakteristisch für das Lutetiumspektrum 34 Linien angegeben- und gemessen. Auer ficht die Richtigkeit eines Teils dieser Linien an, während er andere wichtige Linien vermißt. Auer kommt in seiner "Entgegnung an Urbain 7 geradezu zu dem Schluß, daß die URBAiNschen Angaben zur Identifizierung des Spektrums des
1 Bemerkungen über die Anwendung der Funkenspektren bei Uomogenitätsprüfun- gen, Lieben -Festschrift 1906, S. 720.
2 Sitz.-Her. d. Akad. d. Wiss., 119 (1910), Abt. 11b, nach S. 988. F. Wenzel (eilte mit, daß ihm Auer auf briefliche Anfrage schon 1906 bekanntgegeben habe: ..Ytterbium besteht aus Cassiopeium, Cp — 174,28, und Aldebaranium, Ad — 172,52.“ Her. d. Deutschen Chem. Des., 57. .lahrg. (1924), VI.
3 Compt. rend. Acad. Sciences 145 (1907), S. 759.
4 Xach Lutetia, der römischen Siedlung auf dem Hoden von Paris.
5 „De meme, M. Auer v. Welsbach ... a annonce tout recemment que le fractionnement de l’oxalate double d'ammoniaque et d’ytterbium lui avait donne 1' occasion d’observer des variations spectrales qu’il n’a point pröcisees. II n’a donne aucune mesure des raies qu’il a observees entre 7000 et 5000, et n’a aucunement specific les elements dont il suppose l’existence dans l’aneien ytterbium.“ Comptes rendus de 1' Academic des sciences, 145 (1907).
6 FJieuda.
7 Zur Zerlegung des Ytterbiums, Sitz.-Her. d. Akad. d. Wiss., Wien, 118 (1909), Abt. Ilb, S. 511.