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Dreizehnter Abschnitt.
Erden entschieden und sechs Jahre vor seinem Tod schrieb er an Stefan Meyer: „Die seltenen Erden, die heute eine so große Rolle spielen, lassen mich nicht zur Ruhe kommen; sie haben meine Absicht, meine wissenschaftlichen Arbeiten endlich abzuschließen, gründlich vereitelt .“ 1 Aber trotz dieser Abgegrenztheit seines Forschungsfeldes hat Auers Tätigkeit erstaunlich weite Kreise gezogen. Seine Beschäftigung mit Spektroskopie und seltenen Erden hatte es mit sich gebracht, daß er auch für die Beschaffung radioaktiver Präparate — gerade in den Jahren der auf blühenden Radiumforschung — Unschätzbares leisten konnte. Der strahlende Auermantel hinwieder gab der Physik Anregung, sich eingehend mit dem Leuchten glühender fester Körper zu befassen. Für die seltenen Erden, denen Auer einen Großteil ihrer Seltenheit genommen hatte, fanden sich in der Medizin, in der Porzellan- und Glasindustrie neue Verwendungsgebiete, und als man für die Zylinder der Auerbrenner ein thermisch resistentes Glas brauchte, bot dies für das Jenaer Glaswerk Schott und Genossen den Anlaß, Forschungen anzustellen und ein solches Glas zu schaffen. Vor allem aber hat die Industrie der Beleuchtungskörper durch das Gasglühlicht ungeheuren Auftrieb erhalten, während eine andere Industrie, die des Feuerzeugs, durch die Erfindung des Cereisens überhaupt erst ins Leben trat. Es dürfte schwer fallen, neben den Umwälzungen auf den Gebieten der Gastechnik und elektrischen Beleuchtung auch alle diese Ausstrahlungen des AuERschen Wirkens in fernerliegende Gebiete in ihrer Tragweite einigermaßen zu erfassen.
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Auer von Welsbach verstand es, sein Leben nach seinem eigenen Willen zu gestalten. Schon in jungen Jahren ist dieser Zug merkbar. Selbstbewußt beginnt er seine Laufbahn als Privatgelehrter und schon nach kurzer Zeit gibt ihm der Erfolg recht. Sein Drang, alles selber zu machen, mag es erklären, wenn er der Arbeit anderer nicht immer gleich volles Vertrauen schenkte und sich mehr auf sich selber verließ. Auer pflegte weder gesellschaftlichen noch freundschaftlichen Verkehr. Alle Personen, mit denen er verkehrte, waren durch geschäftliche Interessen mit ihm verbunden und der Verkehr beschränkte sich in der Regel auch nur auf diese. Immer verstand es Auer, zu den Personen seines Umgangs Distanz zu halten und Vertraulichkeiten nicht aufkommen zu lassen. Gesellschaften gab Auer nie und auch für Theater, Konzerte und Vergnügungen hatte er, wohl auch wegen seiner Schwerhörigkeit, kein Interesse. Unternahm er aber einmal mit seiner Frau und seinem Mitarbeiter Felix Kuschenitz 2 eine Vergnügungsreise, so hatte dieser den Eindruck, Auer sehne sich kurz nach der Abreise schon wieder in sein Laboratorium zurück und er habe offenbar die Reise nur unternommen, um seiner Frau ein schon lange gegebenes Versprechen einzulösen. Trotzdem war Auer von Welsbach keineswegs dem Reisen abgeneigt, nur hätte er es gerne auf seine besondere Art getan: eine eigene Yacht aijzuschaffen und auf ihr die Meere zu befahren, das war sein lange Jahre gehegter Wunsch, dessen Erfüllung er immer und immer
1 brief vom 24. Oktober 1923.
* Ich verdanke diese Mitteilungen über Auers Wesenszüge Herrn Direktor F. Kuschenitz.